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In den ersten drei, vier Tagen klebte Maxe mir quasi am Bein. Wo ich auch hin ging, er ging mit. Sogar die schmale, steile Kellertreppe folgte er mir hinab, obwohl er, wie sich später zeigte, Treppen überhaupt nicht mag und sie nicht einmal geht, um sich seinen Ball abzuholen. Die Nächte waren weiterhin anstrengend, denn er fand keine Ruhe, wanderte zwischen allen Räumen hin und her und weckte mich immer wieder durch Anstupsen und Ablecken - eine Rückversicherung, dass alles gut ist und er nichts böses zu erwarten hat. Aus diesem Verhalten heraus hat sich hier bei uns der Satz
"Alles ist gut" verfestigt, mit dem wir ihn auch heute noch beruhigen, wenn er verunsichert ist oder ängstlich reagiert.
Er war und ist wunderbar verfressen, doch noch viel lieber als Leckerchen mag er Hundespielzeuge, die quietschen. Mit diesem Wissen wagten wir es bereits nach wenigen Tagen, ihn auf Spaziergängen von der Leine zu lassen. Folgte er ausnahmsweise einmal nicht unserer Hündin, konnten wir ihn absolut sicher mit einem Quietschspielzeug zurückholen. Den sehr ergreifenden Moment, in dem er zum allerersten Mal voller Lebensfreude und Glück über einen Acker fegte, Bocksprünge machend und sich im Kreis drehend, werden wir wohl niemals vergessen.
Maxe ist ein wenig dicklich, was an dem Überangebot an "Restefutter" - aufgekochte Speisereste aus der Großgastronomie - im Tierasyl Spas liegt. Im Irrglauben, dass ein Tierheimhund aus dem Ausland stets mager und ungepflegt sein muss, bemängelten einige Bekannte und Verwandte das runde Äußere des Hundes. Wir haben jedesmal geduldig erklärt, dass es im Tierasyl an die 400 Hunde gibt und nur eine handvoll Menschen sich darum kümmern. Aus diesem Grund werden die Näpfe immer sehr gut gefüllt, denn niemand hat dort Zeit, zuzuschauen, ob jeder Hund etwas abbekommt oder gar dazwischen zu gehen, entwickelt sich eine blutige Beisserei aus Futterneid. Erst mit dieser Erklärung gaben sich die Kritiker zufrieden und fanden zurück in ihr mitleidiges Bedauern. An dieser Stelle haben wir sie machen lassen, denn nun noch zu erklären, dass die Hunde Riesenglück hatten, im Asyl gelandet zu sein, war uns dann doch zu umfangreich.
Die ersten Hundebegegnungen mit fremden Hunden waren ein wenig stressig für alle Beteiligten. Maxe hatte panische Angst vor fremden Hunden und genauso viel Angst vor deren menschlichen Begleitern. Wir haben ihn aus Sicherheitsgründen stets an die Leine genommen und aus der Ferne erst einmal zuschauen lassen, wie Molly den Erstkontakt aufnimmt. Erst sehr viel später haben wir ihn an den unbekannten Hund herangeführt und dann von der Leine gelassen, um ihm die Möglichkeit zu geben, ausweichen zu können. Nach und nach waren ihm zumindest die Hunde vertraut, die wir öfter einmal im Feld trafen und zu unserer großen Freude traute er sich sich schließlich, mit ihnen über die Felder zu rennen. Solange sie ihm nicht zu nahe kamen, hatte er Spaß an dem wilden Rennen. Näherte sich ein Hund dann doch einmal, blieb er ganz ruhig stehen, rührte sich nicht mehr und zog leicht und vollkommen lautlos die Lefzen hoch. Gottlob sind alle Hund hier im Umkreis so weit sozialisiert, dass sie diese Geste einzuorden wussten und ließen ihn dann auch wieder in Ruhe.
Nach einiger Zeit gewöhnte Maxe sich an, sich des nachts auf seine Decke im Wohnzimmer zu legen. Er kam nicht mehr um mich zu wecken und oftmals schlief er morgens sogar noch weiter, wenn um ihn herum schon das Tagewerk begann. Er kannte den Rhythmus im Haus, wusste, wann es rausgeht, wann es Futter gibt, wann es laut und unruhig sein kann und wann Ruhe herrscht. Fast unmerklich fügte er sich jeden Tag ein wenig mehr in diesen Rhythmus ein und bald war es so, als wäre er niemals irgendwo anders gewesen, sondern immer schon Teil des Menschen-Hunde-Rudels unter diesem Dach.
Mit seiner zurückhaltenden, vorsichtigen und überaus geduldigen Art gewann er Sympathie und Herzen aller, die ihn kennenlernten durften. Angst hatte niemand vor ihm, denn er strahlte von anfang an Gutmütigkeit und Freundlichkeit aus. Lediglich an der kurzen Leine wussten ihn fremde Hunde bald zu meiden, denn dort zog er eines Tages nicht nur leicht die Lefzen hoch, sondern drohte ganz unverhohlen. Ein Verhalten, das jedoch bei Hunden sehr normal und üblich ist, kann doch an der kurzen Leine weder Körpersprache gezeigt, noch ausgewichen werden. So mieden wir fremde Hunde mit dem angeleinten Maxe, konnten aber gleichzeitig sicher sein, dass nichts passiert, sobald er abgeleint ist, denn offenen Konflikten ging er gekonnt aus dem Wege.
Abends, wenn hier alle zur Ruhe kamen, genoss er ausdauernde Streichel- und Knuddeleinheiten von jedem, der bereit und willens dazu war. Stundenlang konnte er auf dem Rücken ausgestreckt liegen und sich den Bauch kraulen lassen. Und wehe, man deutete an, dass man nun nicht mehr wollte. Sofort umklammerte er mit den Vorderpfoten die streichelnde Hand und "bat" um mehr. Dazu konnte er so herzallerliebst aus dem Fell schauen, dass man einfach dahinschmalz. Natürlich war uns allen bewusst, dass man für ihn nicht zum "Selbstbedienungsautomaten" verkommen und ihm alle Wünsche auf Anfrage erfüllen durfte, aber froh darüber, dass er unsere Nähe suchte und uns gegenüber überhaupt keine Scheu zeigte, verschoben wir das regulierende Neinsagen auf später, denn was konnte gerade schöner sein, als zu sehen, wie aus diesem verschreckten, verängstigten und zurückzuckenden Hund ein solcher Schmusebär wurde?
Maxe war und ist ein großer, lieber, runder Kuschelbär. Ein Liebhund, wie man ihn sich nur vorstellen kann.