Jubiläumshund Harras
Meinen ersten Hund bekam ich im Alter von dreizehn Jahren nach tagelangem Betteln und Überreden. Rasse FWW, Feld-Wald-Wiesen-Mischling, der angeblich einer Verbindung zwischen Collie und Schäferhund entsprungen sein sollte. Dafür war er aber viel zu klein, was mir jedoch erst Jahre später aufging.
Der Welpe kam ins Haus und zwei Tage später nach draußen, in eine Hütte mit einer Kette daran. Der Grund dafür war einfach: Der kleine Rüde war nicht stubenrein, wie sollte er auch, wenn niemand dieses mit ihm übt, und obendrein tummelten sich in seinen Kothaufen hunderte kleiner Maden. Der Wurmbefall wurde nicht behandelt, sondern in den Garten verlegt, mitsamt dem jungen Hund, der, gerade der Mutter entrissen, natürlich bitterlich weinte. Das Weinen wurde ebenso ignoriert wie die immer noch vorhandenen Wurmmaden. Wer sich nicht benehmen kann, fliegt raus. Basta.
Ich konnte mich gegen die Erlasse meiner Eltern nicht durchsetzen. Diese waren zwar keinesfalls tatsächlich kaltherzig und tierunfreundlich, aber hatten von Hunden genauso wenig Ahnung wie von eventuellem Leben auf dem Mars. Harras blieb draußen, bekam später einen Zwinger statt Kette und niemals in seinem zu kurzen Leben einen Tierarzt zu sehen. Er blieb zeitlebes ungeimpft und unentwurmt und durfte auch "einer ganzer Kerl" bleiben. Sein Auslauf beschränkte sich auf die Tour, die ich nach der Schule mit ihm gemeinsam mit einer Freundin und deren beiden Hunden unternahm, und auf die seltenen Momente, in denen er frei im Garten tollen durfte.
Traf er unterwegs auf einen anderen Hund, gebärdete er sich wie ein Verrückter und riss mir fast an der Leine zerrend die Arme aus. Ließ man ihm Freilauf, hörte er nicht besonders gut. Eigentlich nur, wenn es ihm in den Kram passte. Ein Nachbar nannte ihn deshalb auch den "Jubiläumshund": "Der hört nur auf jedes 25. Wort!"
Er konnte weder "Sitz" noch "Platz" und Leinenführigkeit bedeutete bei ihm, dass er vorausging und mich hinterher zerrte. War irgendwo im Dorf eine Hündin läufig, durfte man ihn keine Sekunde von der Leine lassen, denn sonst rannte er vollkommen gehörlos davon und man musste ihn von einer fremden Haustür wegholen. Er bekam mit der Leine eins übergebraten, wenn er nach langem Rufen dann doch endlich kam, als Strafe für die lange Wartezeit, und im Winter fror ihm nachts regelmäßig das Trinkwasser ein.
Dass er dennoch nicht vollkommen kreuzunglücklich war, bin ich mir einigermaßen sicher. Er kannte es nicht anders und so war eben das Leben. Zumindest für ihn. Er wurde nur acht Jahre alt, dann ließen meine Eltern ihn auf "Landart" töten: Ein Jäger aus der Nachbarschaft erschoss ihn einfach in seinem Zwinger. Ich hätte das niemals zugelassen, hätte ich davon gewusst. Aber ich war viele hunderte Kilometer weit weg, in einem anderen Bundesland, und versuchte beruflich auf eigene Beine zu kommen. Und gerade meine Abwesenheit war der Grund für die Tötung, denn er war lästig geworden und niemand mochte mit diesem unerzogenen, leinezerrenden Hund spazierengehen. Man entschied sich für eine Endlösung und ich erfuhr davon erst Wochen später, als er schon irgendwo im Wald verscharrt war.
Viele Jahre sind seitdem vergangen. Ich habe eigene Kinder großgezogen, lebe in einem eigenen Haus und nach Harras gab es andere Hunde. Die Seitenwände des Zwingers meines allerersten Hundes sind zu einem Hof- und Gartentor umgebaut, der meine jetzigen Hunde daran hindert, hinunter auf die Straße und vor ein Auto zu laufen. Wenn ich an meinen ersten, den Jubiläumshund, zurückdenke, schmerzen mich alle die Versäumnisse, die er still erduldet hat. Um wie vieles artgerechter, schöner, bunter und angenehmer hätte sein Leben sein können und um wie vieles länger.
Wenn ich an Harras, meinen Jubiläumshund denke, tut es mir unendlich leid, dass ich mir damals einen Hund gewünscht und auch bekommen hatte. Hundehaltung - so sah das damals auf dem Dorfe überwiegend aus. Von einem Zusammenleben mit Hund ist das Lichtjahre entfernt. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und es um so vieles besser machen. Kann ich aber nicht. Bleibt mir nur, mich innerlich bei Harras zu entschuldigen, der viel Ungemach ertragen und mich dennoch irgendwie gemocht hat. Hoffe ich zumindest.
22. Oktober 10
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