Ankunft von Maxe
Der Transport von Kroatien nach Deutschland stand fest und würde stattfinden, jedoch die Frage, wie Awik von der Übergabestelle in Nürnberg weiter in den Norden in die Göttinger Gegend kommen würde, war ungeklärt. Im schlechtesten Fall würde er noch einige Tage, vielleicht sogar zwei Wochen in Nürnberg zwischenstationiert werden, bis er von dort weitertransportiert werden kann. Das würde für den Hund weiteren Stress bedeuten und weil wir das vermeiden wollten und außerdem vor lauter Vorfreude fast platzten, entschieden wir uns, Awik am 26. September selbst aus Nürnberg abzuholen. Und wenn wir ohnehin dorthin fahren, warum nicht auch gleich die anderen Hunde mitnehmen, die weiter in den Norden gebracht werden sollen?

Gedacht, getan, bzw. organisiert. Transportboxen wurden uns vom deutschen Tierschutzverein gestellt - und sogar hergebracht - und die Sitze und Rückbank unseres gottlob großen Autos ausgebaut. Decken, Handtücher, Wasserbehälter, Hundeleinen und -halsbänder eingepackt, nochmal auf die Karte geschaut - und losgefahren.

Es ist logischerweise schwer, den genauen Zeitpunkt der Ankunft in Nürnberg anzugeben, wenn man mit einer Ladung Hunde von Kroatien kommt und sich an der Grenze auch noch mit dem Zoll herumplagen muss. Den kroatischen Zöllner ist es suspekt, warum jemand vier, fünf, sechs oder mehr Hunde über die Grenze schaffen will und so kommt es regelmäßig vor, dass es mehr oder weniger schwierig wird, den Transport zu erklären. Und außerdem gibt es immer mal wieder dieses oder jenes, das die Fahrt unterbrechen oder verlängern kann. So auch an dem Tag, an dem wir auf "unseren Awik" warteten. Aber da der Übergabeort klug gewählt war, konnten wir uns die Zeit recht angenehm vertreiben und drehten mit unserer Molly, die natürlich nicht den ganzen Tag lang allein daheim bleiben konnte, eine schöne Hunderunde. Einigermaßen entspannt warteten wir also der Dinge, die da kommen sollten...

... und waren mit einmal mittendrin in einem Tumult, den wir nicht erwartet hatten.

Ein vollkommen unscheinbares Auto hielt in einer Parkbucht, die Fahrertür flog auf und ohne dass wir die Person kannten, die die Hunde bringen sollte, wussten wir sofort: das muss sie sein. Und während wir uns noch zu organisieren versuchten, kamen plötzlich aus allen Windrichtungen Leute angelaufen und scharrten sich um das soeben angekommene Auto. Türen gingen auf, hundegefüllte Boxen wurden herausgehievt, ein unsagbarer Gestank kam aus dem Wageninneren und unsere Molly duckte sich verängstigt zur Seite weg, genauso überfordert von alledem, wie wir.

Um den Tieren einen unnötig langen Zwischenaufenthalt zu ersparen, beeilten sich alle, die Verladung für den Weitertransport so schnell wie möglich zu erledigen. Die Hunde, die mit uns weiterfahren sollten, mussten in die von uns mitgebrachten Boxen umgeladen werden. Alle Hunde waren sediert, einige inzwischen schon wieder ein bisschen munter, andere jedoch vollkommen platt und regungslos. Ebenfalls platt, aber keinesfalls regungslos war die Fahrerin des Wagens, der aus Kroatien gekommen war. Sie schien acht Hände und neun Paar Ohren zu haben, war überall zugleich und wo ich noch zögerte, zuzupacken, hatte sie den Hund bereits fest im Griff und trug ihn vor sich her.

Schließlich hatten wir drei Hunde im Auto, eine Stapel Papiere auf dem Armaturenbrett und Herzklopfen bis zum Hals. Und nun war auch endlich etwas Zeit, den Burschen anzusehen, der nirgendwo anders mehr aussteigen sollte, als direkt bei uns daheim. Groß war er, weiß, grau und schwarz. Noch sehr stark sediert, hob er immer mal wieder kurz den Kopf, ließ ihn aber gleich wieder müde fallen. Wie alle anderen Hunde auch, stank er bestialisch nach Hundezwinger. Er lag zwischen den Boxen, denn er war einfach zu groß um ihn irgendwo hineinzuzwängen, vor allem auch deshalb, weil er selbst nicht laufen und aktiv mithelfen konnte. Außer ihm waren noch zwei Hündinnen im hinteren Wagenraum. Beide hatten die Augen offen und schauten mich fragend und verwirrt, aber überaus freundlich an.

Es dunkelte draußen und je länger wir fuhren, umso ruhiger wurden alle Hunde. Auch unsere Molly hörte zu hecheln auf und lag ganz still da und döste. Für einen kurzen Moment hatten wir den Einfall, gar nicht mehr anzuhalten und alle Tiere mit nach Hause zu nehmen, aber erstens wurden die Hunde von anderen Menschen erwartet und zweitens kannten wir unsere Kapazitäten und Grenzen.

Eine halbe Stunde Fahrzeit vor unserem Wohnort hielten wir erneut an und die beiden Hündinnen wurden erneut umgeladen. Obwohl sie nun hätten selbst gehen können, mussten sie wiederum getragen werden, denn keine der beiden wollte die ruhige Dunkelheit unseres Wagens verlassen. Dann noch ein bisschen Papierkram und schon waren wir wieder unterwegs, mit einem sehr seltsamen, beinahe an Wehmut erinnerndes Gefühl in der Herzgegend.

Unser Bursche Awik/Maxe war schließlich auch daheim angekommen und noch immer sehr, sehr müde. Wir entschlossen uns, ihn mitsamt Box ins Haus zu tragen. Kaum drinnen angekommen, wollte er hinausgelassen werden. Unsere Molly riss entsetzt die Augen auf, als er schnurstracks auf sie zutaumelte. Um die Situation zu entschärfen und Awik Gelegenheit zu geben, sich zu erleichtern, leinten wir beide Hunde an und machten ein paar Schritte durch unsere Ortschaft. Molly wich dem Neuankömmling aus, so weit es nur ging, aber dieser hatte nichts anderes im Sinn, als ihr ständig und möglichst nah zu folgen.

Zurück im Haus ließen wir beide Hunde von der Leine und warteten handlungsbereit ab, was nun passieren würde. Doch Molly rannte sofort zu ihrem Lieblingsplatz unter dem Büroschreibtisch und Awik untersuchte in aller Seelenruhe und mit sehr, sehr klein-müden Augen die Umgebung. Dabei kam er immer wieder zu uns Menschen, leckte uns die Hände und wollte gestreichelt werden. Spät in der Nacht nahm er ein paar Brocken Futter zu sich, schlabberte ein wenig Wasser und setzte seine unruhige Runde durch das Haus fort. Um Molly ein wenig zu entspannen, durfte sie im oberen Stockwerk schlafen, während ich sowohl mir als auch Awik/Maxe ein Lager im Erdgeschoss einrichtete.



Geschlafen haben wir nicht viel, Awik, der nun Maxe heißen sollte, und ich. Immer wieder stupste er mich an, leckte meine Hände, mein Gesicht, knabberte sogar an meinen Haaren und schlich dann wieder unruhig von dannen. Erst nach vielen Stunden rastloser Wanderschaft legte er sich neben mein Bett und döste ein. Und dann war es auch schon wieder Tag und das neue Leben des Malamut Maxe konnte nun richtig beginnen.