77 Tage...
ist Maxe heute bei uns. Und ich bin sehr beeindruckt, wie sehr er sich bereits verändert und an uns angepasst hat. Die ständige Alarmbereitschaft des Hundes ist einer entspannten Beobachtung seiner Umgebung gewichen. Er schaut und versucht einzuordnen, zu verstehen, und ist nicht stets und ständig in Fluchtbereitschaft. Stattdessen kommt er immer öfter und schaut sich Dinge genau an, denen er zuvor beinahe panisch ausgewichen ist. Am Anfang lief er bereits davon, kam man mit der aus dem Briefkasten gefischten Zeitung auf ihn zu, heute wartet er sogar oben auf der Kellertreppe und beschnüffelt den Karton oder den Korb, den man von unten heraufgeholt hat. Besen lassen ihn kalt, sofern sie in unseren Händen sind - bei Fremden mit Besen ist er allerdings noch immer mehr als vorsichtig. Ist er am Anfang erst durch die Haustür getreten, egal, in welche Richtung, wenn man ihm genug Platz in dem engen Flur gelassen hat - am besten war, wenn man vorausging oder in das angrenzende Büro zurücktrat, rennt er nun dicht an uns vorbei und wedelt freudig mit dem Schwanz, vor allem, wenn es raus geht. Wenn er schläft, dann tief und fest und laute Geräusche lassen ihn nur mal neugierig blinzeln. Sein Lieblingsraum ist natürlich die Küche und wer auch immer dort in den Schränken wühlt, kann sich sicher sein, dass Maxe hinter ihm steht und auf einen Happen hofft. Hin und wieder hat er sogar Glück dabei. Treppensteigen mag Maxe gar nicht und vermeidet das, wenn es ihm nur irgendwie möglich ist. So ist er erst dreimal im oberen Stockwerk gewesen und tat sich jedesmal sehr schwer, die Stufen wieder hinunter zu steigen. Er genießt es nach wie vor, ausgiebig gekrault zu werden und wir müssen aufpassen, nicht zu einer Selbstbedienungsmaschine zu werden, die streichelt, wann immer er gerade Lust darauf hat. So schicken wir ihn häufiger weg, wenn er sich aufzudrängen versucht. Anfangs hat er das mit erschrockenem Blick zur Kenntnis genommen, inzwischen trollt er sich einfach und versucht er etwas später erneut.
Er genießt die beiden großen Hunderunden jedesmal aufs Neue. Phasen des albernen im Kreis Rasen wechseln mit konzentriertem Schnüffeln und Stöbern. Immer wieder legen die Hunde Tobepausen ein und fallen spielend übereinander her. Manchmal bis einer winselnd aufheult, weil hin und wieder aus Spiel Ernst wird und beide ihre Kräfte und Grenzen testen. Der Misthaufen am Ende einer unserer Wege und das Tor zum Friedhof waren längere Zeit eine Herausforderung für Hund und Mensch. Musste ich ihn anfangs regelmässig vom Acker und aus dem Misthaufen zerren - bis zu den Knöcheln im Schlamm versunken - meidet er anscheinend diesen Stinkberg inzwischen oder lässt sich nach wenigen Schritten zurückrufen. Die ersten Male hat mit ausdruckslosen Augen durch mich hindurchgesehen, wenn ich ihn von dort abrufen wollte. Umso erschrockener war er allerdings, als ich energisch hinter ihm her gestapft bin und ihn genauso energisch am Halsband auf den Weg zurück zerrte. Später dann versuchte er mir auszuweichen, indem er um den Misthaufen herum im Kreis lief. Eine angeflogene Leine erschreckte ihn so dermaßen, dass er von alleine auf den Weg zurückrannte. Anstatt, wie viele ratgebend meinten, diesen Weg zu meiden, ging ich dann jeden Tag dorthin und rief Maxe sehr früh zu mir. Und inzwischen würde er zwar gerne, tut aber so, als wäre da gar nichts.
Das Friedhofstor war ähnlich anstrengend. Die vielen Menschen, die dort ein- und ausgingen, haben sicherlich etwas ganz Tolles dort gemacht und Maxe wollte unbedingt wissen, was das wohl sein mag. Vollkommen taub marschierte er den Hauptweg entlang und hob sogar hin und wieder markierend das Bein. "Alles seins - sogar der Friedhof", das klingt lustig, ist es aber für die Trauernden wohl eher nicht. Also dasselbe Spiel wie mit dem Misthaufen, einschließlich Flugleine. Inzwischen tut er so, als würde er dort einschwenken, besinnt sich aber im letzten Moment und rennt zügig am Tor vorbei.
Ein ganz sicheres Merkmal dafür, dass ich einschreiten muss, ist übrigens folgendes: ist einer der Hunde kurz davor, irgendeinen Blödsinn zu veranstalten, kommt von mir ein sehr kurzes, aber ebenso energisches "Hey!" Folgt daraufhin kein Blickkontakt von Hund zu Mensch, kann ich vorbereitend die Leine zum Wurf aufrollen und/oder die Hosenbeine hochziehen, um in den Acker zu steigen. Bei Molly sind das inzwischen allesamt Zeichen für den endgültigen Abbruch ihres Vorhabens, während Maxe dann noch ein bisschen weiter macht und zwar solange, bis er Angst vor der eigenen Courage bekommt und sich in geknickter Demutshaltung zu mir zurückschleicht. Um zu vermeiden, dass er sich in diese für beide Seiten unangenehme Situation hineinsteigert, beobachte ich in ihn genau und in dem Moment, in dem er von seinem Tun auch nur eine Sekunde ablässt, bekommt er ein zustimmendes und aufmunterndes Lob zugerufen, so dass wir es immer öfter schaffen, aus solchen Situationen entspannt herauszukommen. Maxe ist sehr empfänglich für Lob und freut sich sichtlich über jedes anerkennende Wort. Mit genauer Beobachtung und Erwischen des richtigen Moments, kann so fast jede Situation im Voraus entschärft werden - mal abgehen von Misthaufen und Friedhofstor.
Beide Hunde haben sich ein Ritual ausgedacht, von dem ich nicht sicher bin, wohin es letztlich führen wird. Bekommen beide eine Knabberei wie Schweineohr oder Ochsenziemer, frisst Maxe seines sofort auf. Molly hingegen bewahrt ihres auf und in dem Moment, in dem Maxe fertig ist, legt sie es gut sichtbar in kurzem Abstand vor sich hin. Maxe wird von der Leckerlei magisch angezogen und kurz bevor er in Reichweite ist, springt Molly auf, knurrt kurz und holt sich ihre Knabberei zurück. Das Spiel dauert einige Zeit, bis einer der beiden die Lust verliert und sich mit oder ohne Beute davontrollt. Inzwischen vermeide ich es, Knabbereien zu verteilen, wenn ich kurz darauf das Haus verlassen muss, da ich nicht weiss, wie weit die beiden sich hineinzusteigern bereit sind.
Nachdem wir alle Decken und Kissen gewaschen und im Keller eingelagert haben und die Hunde ihre erste Injektion gegen die blöden Milben bekommen haben, sind die ganz großen Kratzmomente vorbei. Hin und wieder kratzt sich einer der beiden ausgiebig, aber insgesamt entspannt sich die Situation. Mir ist der Igel eingefallen, der ein paar Tage lang Gast in unserem Hof war und ich könnte mir einen Zusammenhang zwischen dem Stacheltier und dem Milbenbefall vorstellen. Ebenso könnten es die Mäuse gewesen sein, die Molly sehr geschickt in den Feldern fängt. Was auch immer es war, es ist in den Griff zu bekommen und somit ist alles halb so schlimm.
P.S.: Fotos zu machen, mit zwei großen Hunden, gelingt mir zur Zeit nicht. Zwei Hände, zwei Hunde - keine Hand mehr frei für die Kamera...
13. Dezember 10
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