Mittwoch, 10. November 2010
Erbsenprinzessin Molly
Die "Erbsenprinzessin" war ca. 11 Wochen alt, als wir sie aus dem örtlichen Tierheim abholten. Sie war die einzige Hündin des Wurfes, geboren im Tierheim, weil die Besitzer eine Hündin im trächtigen Zustand dort abgegeben hatten, ohne den Zustand des Tieres mit einem einzigen Wort anzudeuten. So wird man nicht nur einen Hund los, sondern gleich ein ganzes Rudel und niemand weiß davon. Zumindest eine Zeitlang nicht.

Das Fellbündel, eine Schäferhundmischung mit sehr hohem Schäferhundanteil, stank aus allen Poren und Haarbüscheln nach Hundezwinger und die Heimfahrt im Auto war alles andere als einfach, weil das Hundemädel jaulend im Wagen herumkroch. In den ersten Tagen daheim weinte sie sehr viel nach ihrer Mama und der gewohnten Umgebung und der Versuch, sich an den bereits vorhandenen Rüden Spike zu hängen, scheiterten daran, dass dieser den Welpen einfach nur doof fand. Schließlich folgte sie uns Menschen auf Schritt und Tritt und konnte es kaum ertragen, auch nur wenige Augenblicke ohne uns zu sein.

Da ohnehin gerade der niedersächsische Leinenzwang begann - dreieinhalb Monate Leinenpflicht - nutzte ich den natürlichen Folgetrieb des Hundes aus und ließ den Welpen überall frei laufen, während der Rüde an die Flexileine kam. Die bereits im Haushalt üblichen Regeln gingen dem Hundemädchen so ganz nebenbei in Fleisch und Blut über, ohne dass wir großartig korrigieren mussten, denn sie ging, stand, rannte und wartete mit und neben uns in aller Selbstverständlichkeit.

Im Alter von ca. 8 Monaten begann die Welt um die Hündin Molly herum unaussprechlich interessanter zu werden, als wir es bereits waren. Auf Spaziergängen ging sie gerne eigene Wege und der Folgetrieb war zu einem "ich-gehe-schon-mal-voraus-Trieb" geworden. Deshalb fand ein fliegender Leinenwechsel statt. Hündin an die Schleppleine und für den Rüden uneingeschränkter Freilauf.

Man sagt, dass eine Hündin leichter zu erziehen sei. Ich bin mir nicht sicher, ob das tatsächlich stimmt, aber wenn, dann war unsere "Erbsenprinzessin" Molly ein Musterbeispiel dafür. Nach zwei, drei Wiederholungen wusste sie, was man von ihr wollte und bemühte sich, das dann auch richtig auszuführen. Noch ein paar Wiederholungen später war es so, als hätte sie niemals etwas anderes getan, als eben dieses Kommando zu befolgen. Natürlich gab es auch Zeiten, in denen sie scharf die Grenzen austestete, aber diese Versuche waren im Vergleich zu denen von Spike amüsant und rasch aus der Welt geräumt.



Eine Sache jedoch bereitete mir schlimmes Kopfzerbrechen. Als Molly noch sehr klein war, wurde sie in meinem Beisein von einem dreisten Trio freilaufender Westies überfallen. Ich habe nicht richtig, bzw. zu spät reagiert und konnte nichts weiter mehr tun, als mit einem völlig verängstigten Hund nach Hause gehen. Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte Molly ein fürchterliches Verhalten, traf man auf fremde Hunde. Sie gebärdete sich wie tollwütig, kläffte, zerrte an der Leine und tat so, als wolle sie ihr Gegenüber zerfleischen. Und ich, als ihr Mensch, kam an dieser Stelle überhaupt nicht zu ihr durch. Zwar konnte ich durch Gehorsamsabfragen die Stärke ihres Ausflippens ein wenig senken, aber gänzlich ruhig blieb sie niemals. Auch ein weiter Bogen um den fremden Hund herum konnte ihre Angstaggression nicht in erträgliche Bahnen lenken. Sie regte sich immer und überall auf, erblickte sie einen fremden Hund - selbst dann, wenn sie diesen bereits hunderte Male getroffen hatte.

Erst als Spike von uns gegangen war und ich mit ihr allein unterwegs war, gelang es mir, Molly in diesem Verhalten zu stoppen. Dazu brachte ich sie stets ins "Sitz", nahm ihren Kopf in meine Hand und lenkte ihren Blick sanft weg vom fremden Hund. Es dauerte einige Zeit, bis sie aufhörte, wie wild mit den Augen zu rollen, um den anderen Hund zu fixieren, aber irgendwann suchte sie Blickkontakt zu mir. Nach und nach konnte ich auch darauf verzichten, ihren Kopf zu halten und inzwischen ist sie zwar nicht vollkommen relaxt, aber doch ruhig genug, um eine moderierte Hundebegegnung zu meistern. Lässt man sie jedoch einfach auf den fremden Hund zugehen und hilft ihr nicht mit ruhigen Worten dabei, einen behutsamen Erstkontakt herzustellen, rennt sie diesen nach wie vor um, als wäre sie eine Dampfwalze.

Molly ist ein kommunikativer Hund. Wo andere erst mit Leckerchen bestochen werden müssen, reichen bei ihr Lob und liebevolle Ansprache. Sie kennt viele Begriffe und Worte und weiß gesprochene Kommandos umzusetzen. Auf Spaziergängen dreht sie sich sehr oft nach mir um und sichtet sie irgendwo ein sich näherndes Gefährt, schaut sie mich an, als wolle sie mich fragen, ob ich das auch schon gesehen habe. Die Kehrseite dessen ist allerdings, dass sie sehr empfindlich auf Schelte reagiert. Harsche Worte oder gar ein Ausschimpfen lassen sie auf ein Drittel ihrer Größe schrumpfen. Und ist es einmal hektisch im Haus, sprechen wir lauter als gewohnt, ist Unruhe oder gar Streit im Gange, flüchtet sie sich in eine ruhige Ecke. Und wird sie doch einmal ausgeschimpft, verzieht sie sich mit geradezu tödlich beleidigtem Blick unter den Schreibtisch und kommt erst nach Stunden wieder hervor.

Sie hat ein grandioses Knochengerüst und einen kerngesunden Bewegungsapparat und ist selbst heute noch, mit inzwischen acht Jahren, beweglich, schnell und elastisch wie ein Jungspund. Sie springt, tobt und rennt wie eine Irre und selbst aus langem, tiefen Schlaf erwachend, läuft sie sofort los, als hätte sie sich gerade sportlich aufgewärmt. Jedoch neigt sie sehr zu Infekten der Ohren, Augen und des Verdauungstraktes. Deshalb achte ich bei ihr auch nicht auf Idealgewicht und -linie, denn es kommen immer wieder Tage und Wochen, in denen sie nicht fressen mag und rasch an Gewicht verliert.

Schmusen ist ihr zuwider. Es reicht ihr zu wissen, wo sich jeder aufhält und ab und zu mal einen Blick auf uns zu werfen. Ansprache freut sie, jedoch angefasst werden, das mag sie nicht gerne. Sie lässt es eigentlich nur über sich ergehen und es sind tatsächlich sehr seltene Momente, in denen sie von allein kommt und Streicheleinheiten einfordert.