Montag, 25. Oktober 2010
Häschen Lady
Mit Finden des Menschen, mit dem ich mir vorstellen konnte, alt zu werden, kam erneut der Wunsch nach einem Hund auf. Diesmal sollte alles ganz anders werden als beim ersten Vierbeiner Harras, diesmal wollte ich alles richtig und gut machen.

Da es schon genug Hunde auf der Welt gibt, sollte es kein Welpe von einem Züchter sein, extra für die Besiedelung der Erde durch Hunde geboren, sondern eines der vielen Tiere, die ein eigenes und festes Zuhause suchen, weil sie irgendwo anders unerwünscht geworden sind. Wie es der Zufall so will, war im entfernten Bekanntenkreis eine Schäferhündin abzugeben. Eine von der Sorte mit "Roten Papieren" und "Stammbaum". Sollte kein neuer Besitzer gefunden werden, würde das Hundemädchen, gerade mal ein Jahr alt, ins Tierheim gegeben werden - trotz Ahnentafel. Natürlich war mir bewusst, das mit dem Tier etwas nicht stimmen musste, den ein solcher Hund mit solchen Papieren wurde einmal für sehr viel Geld angeschafft und sollte nun für gar nix wieder weg. Deshalb habe ich erst einmal einen "Besichtigungstermin" vereinbart und bin mit dem Mädel eine Runde spazieren gegangen.

Die Hündin war eine bildhübsche, sehr dunkle Schäferhunddame mit den allerbesten Manieren. Alle Grundkommandos saßen perfekt, an der Leine ging sie brav neben mir, allerdings mit einem respektvollen Sicherheitsabstand. Und jedesmal, wenn ich eine ruckartige Bewegung machte, oder einen schnelleren Schritt anschlug, zuckte der Hund sichtlich zusammen und duckte sich ängstlich weg.

Es stellte sich schließlich heraus, dass die Hündin angeschafft worden war, um des nachts die Räumlichkeiten einer Diskothek zu bewachen und sich als nicht dafür geeignet entpuppt hatte. Wer diesen Hund beobachtete, wusste auch ohne es erst auszuprobieren, dass er nie und nimmer ein Wachhund war, sondern, genau das Gegenteil, ein Angsthäschen, das bei der geringsten Störung flüchtete. Die Spekulation, ob der Hund so geboren worden war, oder man ihn zu dem machte, was und wie er war, war müßig. Die Vorbesitzer würden ohnehin niemals zugeben, den Hund zu hart behandelt oder auf dem Schäferhundplatz "übertrainiert" zu haben. Zudem gibt es, wie bei Menschen auch, forsche und zurückhaltende Naturen - was nun wie und wo falsch gelaufen war, würden wir ohnehin niemals herausbekommen.

Nach Rücksprache mit einem anderen Zweig der Bekanntschaft und Zusicherung von Hilfe, falls wir alleine mit dem Hund nicht klar kommen sollten, holten wir das Hundemädel zu uns. Angesichts ihres edlen Äußeren tauften wir sie auf "Lady" um und freuten uns sehr über den Familienzuwachs.

Der Alltag mit diesem Hund jedoch erwies sich als nicht ganz so einfach. Bei jedem lauten Geräusch, bei jeder unbedachten Bewegung, flüchtete der Hund in die hinterste Ecke. Auf einem Spaziergang um den Block, erstmal nur zum Kennenlernen der nächsten Umgebung, scheute sie plötzlich vor uns zurück und wollte partout nicht mehr mitkommen. Nach einigem Hin und Her fiel mir nichts anderes mehr ein, als energisch "Sitz" zu rufen. Und siehe da, zackpeng, der Hund saß sofort und rührte sich nicht mehr. Die riesengroßen Augen jedoch und die unglückliche Körperhaltung des Tieres machten deutlich, dass sie eigentlich lieber fortlaufen wollte. Es tat mir in der Seele weh, zu sehen, wie der Hund mit sich selber kämpfte.

Wir bemühten uns in den nächsten Monaten sehr, dem Tier ein ruhiges und sicheres Umfeld zu schaffen. Feste Tagesrituale wurden eingeführt und im Rahmen dieser Strukturen entspannte sich das ängstliche Häschen ein wenig. Doch was im Haus ganz gut klappte, entlud sich auf Spaziergängen umso heftiger. Eine Frau mit Kinderwagen, ein Fußgänger mit großer Einkaufstasche, ein Nachbar mit Gartenschlauch, alles das jagte Lady eine Heidenangst ein und hatte man sie nicht gerade fest an der Leine, raste sie davon und suchte sich ein sicheres Versteck. Ließ man sie zulange alleine im Haus, zernagte sie alles, was ihr in die Quere kam: Schuhe, Holzgriffe an Möbeln, Plastikkästen von Pfandflaschen, Fernbedienungen. Und überhaupt kam sie nicht freudig und neugierig zur Tür, wenn man heimkam, sondern saß irgendwo ganz hinten in der Wohnung und schaute einem unglücklich geduckt entgegen.

Wir versuchten den Hund über das Spiel aufzutauen. Sie liebte es, hinter Bällen oder Stöckchen herzujagen und war dort tatsächlich einmal nur junger, ausgelassener Hund. Doch sobald irgendwas sich näherte, das sie nicht einordnen konnte, wurde sie einige Zentimeter kleiner und schaute sich nervös danach um. Um ihr tägliche Bestätigung zukommen zu lassen, trainierten wir jene Grundkommandos mit ihr, die sie bereits kannte. Hier funktionierte sie sicher und zuverlässig, ein Wort genügte, und der Hund saß oder lag. Lady badete geradezu in unserem großen Lob und auch wenn wir nichts von Gehorsam eines Roboters hielten und halten, trainierten wir weiter mit ihr, nur um sie immer wieder mit wohltuendem Lob zu überschütten.



Obwohl Lady so unsicher und somit unberechenbar war, erwies sie sich als so kinderlieb, dass wir sie frei im Garten laufen lassen konnte, während Kleinkinder über den Rasen krabbelten. Einmal wollte sie in einem großen Satz über das Gartentor springen, als sie mitten im Freiflug bemerkte, dass auf der anderen Seite ein Kind hockte. Sofort versuchte sie die Flugrichtung zu korrigieren und balancierte dabei wie wild mit den Hinterpfoten auf den Zaunlatten - sie schaffte es tatsächlich, neben dem Kind zu landen. Kam eines der Kinder um sie zu streicheln, knuffen und knuddeln, war sie sehr behutsam und wenn es ihr zu viel wurde, stand sie auf und trottete davon. Ein Katzenbaby nahm sie liebevoll auf und ließ es zwischen ihren Pfoten schlafen, ohne auch nur einmal hektisch oder genervt zu reagieren. Die Menschen, die sie kannte, liebte sie sehr und war sehr behutsam und vorsichtig ihnen gegenüber, ließ sich streicheln und knuddeln und machte niemals auch nur den Versuch einer Gegenwehr, egal, was man mit ihr auch anstellte.

Ein Hund, der so viel Stress hat, tagtäglich, steht unter Dauerstrom. Wir hatten Lady nur neun Jahre bei uns. Im Alter von 10 Jahren erkrankte sie schwer am Herzen und fiel nach mehreren kleineren Herzattacken schließlich ins Wachkoma. Schweren Herzens willigten wir in die Erlösung des Hundes ein und sie entschlief in der Tierarztpraxis in einem Alter, in dem andere Hunde sich noch im besten Alter befinden.

Wir haben diese Tierarztpraxis danach nie wieder betreten.