Rehalarm!
Heute ist er eingetreten, der Fall "Hunde auf Jagd". Friedlich neben mir den Feldweg entlang laufend, erstöbert einer der Hunde eine ausgewachsene Rehkuh in einem Streifen ungezügeltes Dickicht. Mein sofortiger Ruf "Nein" verhallt ungehört, beide Hunde nehmen die Verfolgung auf. Und wie es der böse Zufall so will, beackert in Sichtnähe ein Landwirt per Trecker sein Feld - unsere Landwirte sind zumeist auch Forstpächter und einige unter ihnen bissiger wie manche Hunde.
Die Hündin kehrt als Erste nach ca. 200 Meter Hetzjagd zurück. Wissend, dass dieses Verhalten nicht erwünscht ist, setzt sie sich umgehend neben mich und wartet darauf, angeleint zu werden. Der Rüde, jener Rüde, der vor zwei Wochen kaum gescheit traben konnte, weil die Monate im Tierheimzwinger ihm die Muskelkraft geraubt hatten, jagt jedoch weiter und bleibt nach ca. 400 Metern das erste Mal stehen. Unschlüssig verfolgt er per Nase eine Spur auf einem brachliegenden Feld, kommt dann ganz gemütlich in unsere Richtung getrabt. Ein breiter Graben trennt uns schließlich und diesen zu überqueren ist er nicht gewillt. Nur langes Locken mit einem Lieblingsspielzeug, einem Quietschball, holt in letztlich dicht an mich und die Hündin heran. Auch er wird angeleint.
Auf dem Rückweg, ich versuche, meine Emotionen unter Kontrolle zu halten, spreche nicht mit den Hunden, gehe gleichmäßig und ruhig den Weg zurück, geht die Hündin perfekt links neben meinem Knie, während der Rüde äußerst unruhig hin- und herzappelt. Ich halte die Korrekturen seines Ganges gering, bleibe desöfteren stehen, um ihm Gelegenheit zu geben, sich zu sortieren. Schließlich wird auch er ruhiger und geht gelassener, beinahe an meinem rechten Knie, neben mir.
Ich bin inzwischen der Meinung, dass der Rüde nicht losgerannt wäre, wäre die Hündin nicht vorausgehetzt. Am gestrigen Vormittag hat er ganz gelassen eine Katze betrachtet, die im Feld auf Mäusefang war und hat nicht einmal ansatzweise eine Jagd in Betracht gezogen. Die Hündin hatte die Katze nicht bemerkt und ebenfalls keinerlei Anstalten einer Hetzjagd unternommen. Andererseits wäre Maxe, der Rüde, sicherlich losgerannt, hätte Molly, die Hündin, der Katze an den Kragen gewollt.
Der Gedanke, Maxe erneut an die Schleppleine zu nehmen geht in dem Gedanken unter, dass Molly dann ebenfalls an die lange Leine gehört. Überdies ist eine Nahbegegnung mit Wild eine sehr seltene Angelegenheit, die ich in den letzten 10 Jahren vielleicht dreimal erlebt habe. Ich werde eine Nacht darüber schlafen und morgen entscheiden, ob die Schleppleine noch einmal Sinn macht.
Fest steht auf jeden Fall, dass ich mit beiden Hunden getrennt trainieren muss. Maxe muss von Molly unbeeinflusst die Welt erkunden und sich mehr an mir als an der Hündin orientieren und Molly täte ungeteilte Aufmerksamt sicherlich sehr gut.
28. Oktober 10
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Schlawiner Spike
Wenige Monate nach dem Abschied von dem überängstlichen Hundemädel
Lady beschlossen wir, uns die Trauerzeit durch einen neuen Hund zu erleichtern. Der Blick in die regionale Zeitung meldete, dass die Tierschutzorganisationen aus allen Nähten platzten und da wir ohnehin auch jetzt wieder keinen frisch gezüchteten Welpen aufnehmen wollten, entschlossen wir uns für einen 5-monatigen Mischlingsrüden aus der Vermittlung des Tierasyl eines Nachbarortes.
Der Hund lebte noch bei seiner Familie im vierten Stock eines Mietshauses und sollte, wenn möglich, von dort vermittelt werden, ohne ein Tierheim von innen gesehen zu haben. Also trafen wir eines Nachmittags auf einen rotblonden Irrwisch mit einem wuscheligen Schnauzbart zu einem ansonsten glatten Fell. Das Kerlchen ignorierte uns vollkommen, sondern suchte begeistert in stehengelassenen Fressnäpfen nach eventuellen Resten. Dabei zuckte und wackelte sein ganzer Körper vor Aufregung. Erst als hundertprozentig feststand, dass es nirgendwo Essbares zu ergattern gab, wandte er sich uns zu. Vollkommen unbekümmert und forschen Schrittes kam er auf uns zu, sprang an uns hoch und freute sich dabei ein Loch in den Bein, so als würde er uns bereits kennen und nach langen Jahren endlich wiedersehen. Nach kurzem Überlegen saß er bereits im Auto zu meinen Füßen und wuselte wie ein Verrückter vor dem Beifahrersitz herum.
Nach den vorherigen beiden Hunden, einer absolut nur draußen und der andere beinahe unsichtbar drinnen, brachte Spike mich beinahe an meine Grenzen. Ohne jegliche Erziehung sprang er wortwörtlich über Tische und Bänke, nahm nur Notiz von mir, wenn er Fressbares vermutete und konnte im Feld nicht von der Leine gelassen werden, ohne dass er sofort seiner Wege ging. Meine bisherige viel zu geringe Hundeerfahrung war sehr rasch aufgebraucht und so dachte ich einige Tage ernsthaft darüber nach, den Hund wieder zurückzubringen. Der Gedanke, dass er dann doch im Tierheim landen würde, hielt mich letztlich jedoch davon ab und so begann ich damit, mich mit Fachbüchern über Hundeerziehung, -verhalten und -psychologie einzudecken. Rein theoretisch klang alles Gelesene vollkommen verständlich und nachvollziehbar, in der Praxis gestaltete sich die Anwendung jedoch nicht so einfach.
Zuerst einmal kam Spike an die Schleppleine. Vollkommen unbedarft mit so einem Hilfsmittel, schürfte ich mir mehrmals die Hände auf oder erwischte die Leine nicht immer sicher und fest, wenn der Hund Gas gab. Aber irgendwann klappte das ganz gut und Spike war nach einiger Zeit zumindest bereit, ohne große Ablenkung auf Zuruf zu kommen. Natürlich gab es noch das eine oder andere in der Umgebung, das viel spannender war als ich und so stand ich desöfteren alleine im Feld und wartete halbe Ewigkeiten auf die Rückkehr eines davonfliegenden Fellbündels. Und der eine oder andere Sonntagsspaziergänger belegte mich mit unschönen Bezeichnungen, nachdem der Hund bei Matschwetter freudig an ihm hochgesprungen war. Aber es wurde besser. Langsam aber sicher.
In Spike steckte eine Mischung aus Schäferhund und Terrier. Sein Körper bekam ein hakeliges Stachelfell (man war an einen Topfreinigerschwamm erinnert, streichelte man ihn) und sein Gemüt unerschütterlich unerschrocken und selbstbewusst eigenwillig. Er freute sich über alles und jeden, über jeden aufmerksamen Blick, jedes freundliche Wort und jede ihm zugewandte Geste. Nichts machte ihm Angst und selbst Silvesterknaller fand er so toll, dass er sie dem Werfer zurückbringen wollte, passte man nicht gut auf. Er hatte immer allerbeste Laune und war stets hungrig. Jeder, der ihn kennenlernte, mochte ihn auf Anhieb und selbst die, die ihm vorsichtig gegenüber standen, wickelte er mit seinem ungestümen Charme rasch um die kleine Kralle. Er ging ganz einfach davon aus, das jeder sich freute, ihn zu sehen und jeder ihn liebte - und so war es ja auch.
Sein unerschütterliches Selbstbewusstsein machte ihn allerdings auch ziemlich immun gegen Erziehungsversuche. Gewappnet mit Büchern und Fachliteratur, gab ich mein Bestes, diesem Hund Manieren beizubringen. Vollkommen resistent gegen Bitten und Betteln, gegen gutes Zureden und sogar gegen energisches Auftreten, half eigentlich nur Bestechung mit Leckerchen. Die nahm er freudestrahlend entgegen, nur um danach genau denselben Blödsinn weiterzumachen, den man gerade eben mühsam unterbrochen hatte. Wir haben einige Zeit miteinander gerungen, bis er und ich genau wussten, ab welcher Tonfrequenz in meiner Stimme es aus Spaß schließlich Ernst wurde. Diesen Spielraum zwischen freundlicher Aufforderung und bitterernst massivem Befehl nutzte er lebenslang gnadenlos aus.
Selbst wenn einem fast vor Zorn der Rauch aus den Ohren kam, konnte man ihm nicht lange böse sein. Mit einem Blick aus seinen strahlenden Hundeaugen und mit seinem von sich selbst überzeugten freundlichen Wedeln hatte er einen schnell wieder in der Hand. Einmal war er auf einem Spaziergang mal wieder eigene Wege gegangen und ich rief ihn außerordentlich empört zu mir, als mir ein entgegenkommender Spaziergänger einen aufgebrachten Blick zuwarf. Ich erntete einen bösen Kommentar über "den lieben Hund" und mein "garstiges Rufen" und war so verblüfft darüber, dass ich das Rufen ganz vergaß. Als hätte er gewusst, dass dieser Augenblick seine Chance zum konsequenzlosen Wiederkommen war, saß er plötzlich unvermittelt neben mir und strahlte mich an. Und so stahl er sich sehr oft aus Situationen, in denen es eigentlich hätte Sanktionen geben müssen.
Als Spike sechs Jahre alt war, zeichnete sich eine beginnende Arthrose in seinen Hüftgelenken ab. In den nächsten zwei Jahren baute er so rapide ab, dass wir uns entschlossen, ihm eine Gefährtin an die Seite zu stellen, die ihn ein wenig mitzieht und sanft auf Trab bringt, denn nichts ist wichtiger bei Arthrose als Bewegung . Um ihn dafür entsprechend zu wappnen, ließen wir ihm im Alter von acht Jahren
Goldimplantate einsetzen. Die doch üppigen Kosten hierfür haben sich gelohnt und alle unsere Erwartungen wurden übertroffen: die nächsten fünf Jahre lief und rannte dieser vorher schmerzgeplagte Hund wieder fröhlich und übermütig durch die Gegend.
Erst im letzten Jahr, mit knapp vierzehn, kamen die Schmerzen zurück. Spike war auf tägliche Schmerzmedikamente angewiesen, konnte die Hinterläufe nicht mehr richtig anheben und schlurfte wie ein alter Mann vor sich hin. Auch die Vorderläufe waren in Mitleidenschaft gezogen und standen an den Ellenbogen vom Körper ab. Dennoch verlor er nie den Lebensmut, freute sich noch immer über alles und jeden und wollte überall dabei sein. Dieser Lebenswille und diese Tapferkeit, mit der er seine Schmerzen ertrug, haben mich nachhaltig beeindruckt und wenn ich einen schlechten Tag mit meinem eigenen Arthroseknie habe, denke ich an den kleinen Kämpfer Spike und schäme mich meiner Wehleidigkeit.
Beinahe auf den Tag genau vierzehn Jahre teilte er sein Leben mit uns. Er kämpfte bis zum letzten Atemzug und hätten wir seine Qualen nicht beenden lassen, würde er vermutlich noch heute kämpfen, hinkend und unter großen Schmerzen und dabei unendlich tapfer.
Er war einer meiner grössten Lehrmeister in der
"Hund-Mensch-Beziehung" und er hinterließ eine große Lücke in unserem Leben sowie eine todtraurige Gefährtin, die ihn wochenlang suchte und noch viel länger vermisste.
25. Oktober 10
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Häschen Lady
Mit Finden des Menschen, mit dem ich mir vorstellen konnte, alt zu werden, kam erneut der Wunsch nach einem Hund auf. Diesmal sollte alles ganz anders werden als beim ersten Vierbeiner
Harras, diesmal wollte ich alles richtig und gut machen.
Da es schon genug Hunde auf der Welt gibt, sollte es kein Welpe von einem Züchter sein, extra für die Besiedelung der Erde durch Hunde geboren, sondern eines der vielen Tiere, die ein eigenes und festes Zuhause suchen, weil sie irgendwo anders unerwünscht geworden sind. Wie es der Zufall so will, war im entfernten Bekanntenkreis eine Schäferhündin abzugeben. Eine von der Sorte mit
"Roten Papieren" und
"Stammbaum". Sollte kein neuer Besitzer gefunden werden, würde das Hundemädchen, gerade mal ein Jahr alt, ins Tierheim gegeben werden - trotz Ahnentafel. Natürlich war mir bewusst, das mit dem Tier etwas nicht stimmen musste, den ein solcher Hund mit solchen Papieren wurde einmal für sehr viel Geld angeschafft und sollte nun für gar nix wieder weg. Deshalb habe ich erst einmal einen "Besichtigungstermin" vereinbart und bin mit dem Mädel eine Runde spazieren gegangen.
Die Hündin war eine bildhübsche, sehr dunkle Schäferhunddame mit den allerbesten Manieren. Alle Grundkommandos saßen perfekt, an der Leine ging sie brav neben mir, allerdings mit einem respektvollen Sicherheitsabstand. Und jedesmal, wenn ich eine ruckartige Bewegung machte, oder einen schnelleren Schritt anschlug, zuckte der Hund sichtlich zusammen und duckte sich ängstlich weg.
Es stellte sich schließlich heraus, dass die Hündin angeschafft worden war, um des nachts die Räumlichkeiten einer Diskothek zu bewachen und sich als nicht dafür geeignet entpuppt hatte. Wer diesen Hund beobachtete, wusste auch ohne es erst auszuprobieren, dass er nie und nimmer ein Wachhund war, sondern, genau das Gegenteil, ein Angsthäschen, das bei der geringsten Störung flüchtete. Die Spekulation, ob der Hund so geboren worden war, oder man ihn zu dem machte, was und wie er war, war müßig. Die Vorbesitzer würden ohnehin niemals zugeben, den Hund zu hart behandelt oder auf dem Schäferhundplatz
"übertrainiert" zu haben. Zudem gibt es, wie bei Menschen auch, forsche und zurückhaltende Naturen - was nun wie und wo falsch gelaufen war, würden wir ohnehin niemals herausbekommen.
Nach Rücksprache mit einem anderen Zweig der Bekanntschaft und Zusicherung von Hilfe, falls wir alleine mit dem Hund nicht klar kommen sollten, holten wir das Hundemädel zu uns. Angesichts ihres edlen Äußeren tauften wir sie auf "Lady" um und freuten uns sehr über den Familienzuwachs.
Der Alltag mit diesem Hund jedoch erwies sich als nicht ganz so einfach. Bei jedem lauten Geräusch, bei jeder unbedachten Bewegung, flüchtete der Hund in die hinterste Ecke. Auf einem Spaziergang um den Block, erstmal nur zum Kennenlernen der nächsten Umgebung, scheute sie plötzlich vor uns zurück und wollte partout nicht mehr mitkommen. Nach einigem Hin und Her fiel mir nichts anderes mehr ein, als energisch "Sitz" zu rufen. Und siehe da, zackpeng, der Hund saß sofort und rührte sich nicht mehr. Die riesengroßen Augen jedoch und die unglückliche Körperhaltung des Tieres machten deutlich, dass sie eigentlich lieber fortlaufen wollte. Es tat mir in der Seele weh, zu sehen, wie der Hund mit sich selber kämpfte.
Wir bemühten uns in den nächsten Monaten sehr, dem Tier ein ruhiges und sicheres Umfeld zu schaffen. Feste Tagesrituale wurden eingeführt und im Rahmen dieser Strukturen entspannte sich das ängstliche Häschen ein wenig. Doch was im Haus ganz gut klappte, entlud sich auf Spaziergängen umso heftiger. Eine Frau mit Kinderwagen, ein Fußgänger mit großer Einkaufstasche, ein Nachbar mit Gartenschlauch, alles das jagte Lady eine Heidenangst ein und hatte man sie nicht gerade fest an der Leine, raste sie davon und suchte sich ein sicheres Versteck. Ließ man sie zulange alleine im Haus, zernagte sie alles, was ihr in die Quere kam: Schuhe, Holzgriffe an Möbeln, Plastikkästen von Pfandflaschen, Fernbedienungen. Und überhaupt kam sie nicht freudig und neugierig zur Tür, wenn man heimkam, sondern saß irgendwo ganz hinten in der Wohnung und schaute einem unglücklich geduckt entgegen.
Wir versuchten den Hund über das Spiel aufzutauen. Sie liebte es, hinter Bällen oder Stöckchen herzujagen und war dort tatsächlich einmal nur junger, ausgelassener Hund. Doch sobald irgendwas sich näherte, das sie nicht einordnen konnte, wurde sie einige Zentimeter kleiner und schaute sich nervös danach um. Um ihr tägliche Bestätigung zukommen zu lassen, trainierten wir jene Grundkommandos mit ihr, die sie bereits kannte. Hier funktionierte sie sicher und zuverlässig, ein Wort genügte, und der Hund saß oder lag. Lady badete geradezu in unserem großen Lob und auch wenn wir nichts von Gehorsam eines Roboters hielten und halten, trainierten wir weiter mit ihr, nur um sie immer wieder mit wohltuendem Lob zu überschütten.
Obwohl Lady so unsicher und somit unberechenbar war, erwies sie sich als so kinderlieb, dass wir sie frei im Garten laufen lassen konnte, während Kleinkinder über den Rasen krabbelten. Einmal wollte sie in einem großen Satz über das Gartentor springen, als sie mitten im Freiflug bemerkte, dass auf der anderen Seite ein Kind hockte. Sofort versuchte sie die Flugrichtung zu korrigieren und balancierte dabei wie wild mit den Hinterpfoten auf den Zaunlatten - sie schaffte es tatsächlich, neben dem Kind zu landen. Kam eines der Kinder um sie zu streicheln, knuffen und knuddeln, war sie sehr behutsam und wenn es ihr zu viel wurde, stand sie auf und trottete davon. Ein Katzenbaby nahm sie liebevoll auf und ließ es zwischen ihren Pfoten schlafen, ohne auch nur einmal hektisch oder genervt zu reagieren. Die Menschen, die sie kannte, liebte sie sehr und war sehr behutsam und vorsichtig ihnen gegenüber, ließ sich streicheln und knuddeln und machte niemals auch nur den Versuch einer Gegenwehr, egal, was man mit ihr auch anstellte.
Ein Hund, der so viel Stress hat, tagtäglich, steht unter Dauerstrom. Wir hatten Lady nur neun Jahre bei uns. Im Alter von 10 Jahren erkrankte sie schwer am Herzen und fiel nach mehreren kleineren Herzattacken schließlich ins Wachkoma. Schweren Herzens willigten wir in die Erlösung des Hundes ein und sie entschlief in der Tierarztpraxis in einem Alter, in dem andere Hunde sich noch im besten Alter befinden.
Wir haben diese Tierarztpraxis danach nie wieder betreten.
25. Oktober 10
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Jubiläumshund Harras
Meinen ersten Hund bekam ich im Alter von dreizehn Jahren nach tagelangem Betteln und Überreden. Rasse FWW, Feld-Wald-Wiesen-Mischling, der angeblich einer Verbindung zwischen Collie und Schäferhund entsprungen sein sollte. Dafür war er aber viel zu klein, was mir jedoch erst Jahre später aufging.
Der Welpe kam ins Haus und zwei Tage später nach draußen, in eine Hütte mit einer Kette daran. Der Grund dafür war einfach: Der kleine Rüde war nicht stubenrein, wie sollte er auch, wenn niemand dieses mit ihm übt, und obendrein tummelten sich in seinen Kothaufen hunderte kleiner Maden. Der Wurmbefall wurde nicht behandelt, sondern in den Garten verlegt, mitsamt dem jungen Hund, der, gerade der Mutter entrissen, natürlich bitterlich weinte. Das Weinen wurde ebenso ignoriert wie die immer noch vorhandenen Wurmmaden. Wer sich nicht benehmen kann, fliegt raus. Basta.
Ich konnte mich gegen die Erlasse meiner Eltern nicht durchsetzen. Diese waren zwar keinesfalls tatsächlich kaltherzig und tierunfreundlich, aber hatten von Hunden genauso wenig Ahnung wie von eventuellem Leben auf dem Mars. Harras blieb draußen, bekam später einen Zwinger statt Kette und niemals in seinem zu kurzen Leben einen Tierarzt zu sehen. Er blieb zeitlebes ungeimpft und unentwurmt und durfte auch "einer ganzer Kerl" bleiben. Sein Auslauf beschränkte sich auf die Tour, die ich nach der Schule mit ihm gemeinsam mit einer Freundin und deren beiden Hunden unternahm, und auf die seltenen Momente, in denen er frei im Garten tollen durfte.
Traf er unterwegs auf einen anderen Hund, gebärdete er sich wie ein Verrückter und riss mir fast an der Leine zerrend die Arme aus. Ließ man ihm Freilauf, hörte er nicht besonders gut. Eigentlich nur, wenn es ihm in den Kram passte. Ein Nachbar nannte ihn deshalb auch den "Jubiläumshund": "Der hört nur auf jedes 25. Wort!"
Er konnte weder "Sitz" noch "Platz" und Leinenführigkeit bedeutete bei ihm, dass er vorausging und mich hinterher zerrte. War irgendwo im Dorf eine Hündin läufig, durfte man ihn keine Sekunde von der Leine lassen, denn sonst rannte er vollkommen gehörlos davon und man musste ihn von einer fremden Haustür wegholen. Er bekam mit der Leine eins übergebraten, wenn er nach langem Rufen dann doch endlich kam, als Strafe für die lange Wartezeit, und im Winter fror ihm nachts regelmäßig das Trinkwasser ein.
Dass er dennoch nicht vollkommen kreuzunglücklich war, bin ich mir einigermaßen sicher. Er kannte es nicht anders und so war eben das Leben. Zumindest für ihn. Er wurde nur acht Jahre alt, dann ließen meine Eltern ihn auf "Landart" töten: Ein Jäger aus der Nachbarschaft erschoss ihn einfach in seinem Zwinger. Ich hätte das niemals zugelassen, hätte ich davon gewusst. Aber ich war viele hunderte Kilometer weit weg, in einem anderen Bundesland, und versuchte beruflich auf eigene Beine zu kommen. Und gerade meine Abwesenheit war der Grund für die Tötung, denn er war lästig geworden und niemand mochte mit diesem unerzogenen, leinezerrenden Hund spazierengehen. Man entschied sich für eine Endlösung und ich erfuhr davon erst Wochen später, als er schon irgendwo im Wald verscharrt war.
Viele Jahre sind seitdem vergangen. Ich habe eigene Kinder großgezogen, lebe in einem eigenen Haus und nach Harras gab es andere Hunde. Die Seitenwände des Zwingers meines allerersten Hundes sind zu einem Hof- und Gartentor umgebaut, der meine jetzigen Hunde daran hindert, hinunter auf die Straße und vor ein Auto zu laufen. Wenn ich an meinen ersten, den Jubiläumshund, zurückdenke, schmerzen mich alle die Versäumnisse, die er still erduldet hat. Um wie vieles artgerechter, schöner, bunter und angenehmer hätte sein Leben sein können und um wie vieles länger.
Wenn ich an Harras, meinen Jubiläumshund denke, tut es mir unendlich leid, dass ich mir damals einen Hund gewünscht und auch bekommen hatte. Hundehaltung - so sah das damals auf dem Dorfe überwiegend aus. Von einem Zusammenleben mit Hund ist das Lichtjahre entfernt. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und es um so vieles besser machen. Kann ich aber nicht. Bleibt mir nur, mich innerlich bei Harras zu entschuldigen, der viel Ungemach ertragen und mich dennoch irgendwie gemocht hat. Hoffe ich zumindest.
22. Oktober 10
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