Montag, 22. November 2010
Der Hund als Kult
Wie bereits hier aufgeführt, floriert das Geschäft rund um den Hund außerordentlich. Wer sich heutzutage einen Hund zulegt, kommt nicht drumherum, sich mit einem breiten Angebot auseinanderzusetzen, welches jedem Hundebesitzer geradezu als "Muss" angeboten wird. Anderenfalls, so wird dem Tierhalter suggeriert, ist er kein guter Hundehalter, sondern beinahe schon als Tierquäler anzusehen.

Natürlich gibt es hilfreiche Angebote für Hund und Herrn: Läuft der Hund auf Spaziergängen ständig davon und kommt man als Halter selbst nicht auf die zündende Idee, wie das abzustellen sei, kann und soll man sich Rat und Hilfe bei einem erfahrenen und versierten Hundtrainer holen. Begleitend dazu kann man sich das eine oder andere Buch über Hundeerziehung, -verhalten und -psychologie zulegen und sich Anregungen und Ideen holen, wo man selbst auf dem Schlauch steht. Und ja, wer wirklich Spaß daran hat, der kann zwei- oder dreimal wöchentlich auf dem Hundeplatz mit dem Vierbeiner trainieren, toben, spielen und erziehen. Doch ist die Suggestion, dass jeder, der das nicht tut, ein schlechter Hundehalter sei, eben nur der Versuch, ihm genau dieses einzureden. Und das nicht zu dem Zwecke, allen Hunden der Welt ein superschönes Leben zu bieten, sondern eben zu dem Zwecke, das Geschäft "Hund" auszubauen und am Laufen zu halten.

Wie mit jedem Ratgeber zu jedem Thema dieser Welt verhält es sich auch mit Ratgebern zu Hunden. Es kann, muss aber nicht funktionieren. Wie jeder Mensch, so ist auch jeder Hund anders, und erst recht unterscheiden sich alle "Gespanne" Hund-Mensch voneinander. Wo der eine Hund für ein Leckerchen sogar Kopfstand zu machen bereit ist, gähnt der andere nur gelangweilt. Und wo der eine Hund eine klare, laut ausgesprochene Anweisung braucht, bietet der andere bereits freiwillig seine Dienste an. Und wo der eine Mensch geduldig und unerschütterlich am Sitzenbleiben des Hundes arbeitet, verzweifelt der andere bereits nach dem dritten Versuch, den freudig zappelnden Hund anzuleinen.

Wer sich ein, zwei, drei Bücher über Hundeerziehung angesehen hat, wird feststellen, dass in Buch vier, fünf und sechs dasselbe steht. Nützlicher werden die Tipps nicht dadurch, dass man möglichst viele Bücher kauft, sondern alleine dadurch, dass man sie konsequent und ausdauernd anwendet. Doch selbst hier, bei allergenauester Befolgung, kann es sein, dass der eigene Hund rein überhaupt nicht reagiert, wie im Buch beschrieben. Sich dann noch drei Bücher zu kaufen, hilft leider rein gar nix. Es wird immer wieder Situationen geben, in denen der eigene Hund vollkommen anders reagiert als erwartet oder in hundertfünfzig Büchern beschrieben. Deswegen ist der Hund nicht blöd oder böse, sondern die Art, wie der Mensch ihm etwas zu vermitteln versucht, ist blöd oder für diesen Hund ungeeignet.

Die Empfehlung, den Hund möglichst viel zu beschäftigen und auch geistig zu fordern, ist eine gutgemeinte und sinnvolle. Doch muss ich deswegen mehrmals in der Woche ein gut zu bezahlende Trainerstunde auf dem Platz absolvieren? Ich meine: Nein. Gewährt man einem Hunde den nötigen Auslauf, spielt und tobt man mit ihm und lässt man ihn mit anderen Hunden toben und spielen, ist die körperliche Auslastung bereits gewährt. Futtersuchspiele in Haus und Garten oder während der Spaziergänge, das Auspacken einer Leckerei aus einer festumwickelten Zeitung oder einem Karton beschäftigen den Hund über längere Zeit und fordern seinen Geist. Es ist kein festgelegtes Programm nötig, wie bei einem Kind, das Montags Klavier hat und Dienstags Tennis und jeden zweiten Nachmittag Nachhilfe in Mathe und Englisch, um einen Hund auszulasten.

Der Hund wird zum Kult. Mäntelchen und Cookies mit Goldauflage, Biofutter und Menthol-Zahnpflege, teuer zu bezahlende Spieltreffs und Kaschmirdecken. Und aus dem Boden schießende selbsternannte Hundetrainer und -psychologen, die alle schwören, sie alleine hätten den echten Draht zum Hund und nur mit ihrer Hilfe würde aus dem eigenen Vierbeiner erst ein glückliches und folgsames Tier.

Der Kult um den Hund erinnert immer mehr an das moderne Rundumwohlfühlprogramm für Kiddies. Wenn ich alle die Tipps und Tricks und Beschäftigungsratschläge der diversen Hundeprofis aus dem Web zu Herzen nehmen würde, würde ich mit meinen Hunden weitaus mehr Zeit verbringen, als ich es jemals mit meinen Kindern tat. Fange ich dann noch an, für meine Hunde zu kochen und zu backen, muss ich leider aufhören zu arbeiten, weil meine persönliche Zeit dafür nicht auch noch reicht. Dann bekäme ich allerdings ein echtes Finanzproblem, denn Hundetrainerstunden sind teuer und alle die überflüssigen Luxusartikel für meine vierbeinigen Lieblinge erst recht. Vielleicht sollte ich meine Hunde doch lieber ins Tierheim geben, damit sie die Chance darauf haben, die Menschen zu finden, die ihnen alles das zu bieten in der Lage sind?

Stopp! Ich glaube, ich brauche das alles gar nicht und wie ich mit meinen Hunde umgehe, ist es gut so. Es sind Hunde und sollen genau das bleiben: Hunde. Sie bekommen ihren täglichen Frei- und Auslauf, ihre Spiel- und Sucheinheiten, sie werden Hunden entsprechend ernährt und dem Tierarzt vorgestellt, wenn sie krank sind. Wir trainieren Grundkommandos und Leinenführigkeit, damit das Zusammenleben mit ihnen für beide Seiten angenehm ist und sie wohnen mit uns im Haus und haben liebevollen und aufmerksamen Familienanschluss. Wenn sich echte Probleme auftun, suchen wir einen erfahrenen Hundetrainer unseres Vertrauens auf und ansonsten verhalten wir uns ihnen gegenüber gleichbleibend freundlich konsequent. Unsere Hunde sind Hunde und ich glaube, sie fühlen sich damit sehr wohl. Und jede extra Zuwendung, die sie bekommen, genießen sie zwischen den Zeiten, in denen sie nicht beachtet werden, weil wir als Menschen eben auch arbeiten müssen und einkaufen, waschen, putzen, oder einfach mal etwas tun wollen und müssen, das nichts mit Hunden zu tun hat. So einfach kann das alles sein, wenn man den ganzen Irrsinn beseite wischt und Mensch mit Hund bleibt.



Donnerstag, 11. November 2010
Ankunft von Maxe
Der Transport von Kroatien nach Deutschland stand fest und würde stattfinden, jedoch die Frage, wie Awik von der Übergabestelle in Nürnberg weiter in den Norden in die Göttinger Gegend kommen würde, war ungeklärt. Im schlechtesten Fall würde er noch einige Tage, vielleicht sogar zwei Wochen in Nürnberg zwischenstationiert werden, bis er von dort weitertransportiert werden kann. Das würde für den Hund weiteren Stress bedeuten und weil wir das vermeiden wollten und außerdem vor lauter Vorfreude fast platzten, entschieden wir uns, Awik am 26. September selbst aus Nürnberg abzuholen. Und wenn wir ohnehin dorthin fahren, warum nicht auch gleich die anderen Hunde mitnehmen, die weiter in den Norden gebracht werden sollen?

Gedacht, getan, bzw. organisiert. Transportboxen wurden uns vom deutschen Tierschutzverein gestellt - und sogar hergebracht - und die Sitze und Rückbank unseres gottlob großen Autos ausgebaut. Decken, Handtücher, Wasserbehälter, Hundeleinen und -halsbänder eingepackt, nochmal auf die Karte geschaut - und losgefahren.

Es ist logischerweise schwer, den genauen Zeitpunkt der Ankunft in Nürnberg anzugeben, wenn man mit einer Ladung Hunde von Kroatien kommt und sich an der Grenze auch noch mit dem Zoll herumplagen muss. Den kroatischen Zöllner ist es suspekt, warum jemand vier, fünf, sechs oder mehr Hunde über die Grenze schaffen will und so kommt es regelmäßig vor, dass es mehr oder weniger schwierig wird, den Transport zu erklären. Und außerdem gibt es immer mal wieder dieses oder jenes, das die Fahrt unterbrechen oder verlängern kann. So auch an dem Tag, an dem wir auf "unseren Awik" warteten. Aber da der Übergabeort klug gewählt war, konnten wir uns die Zeit recht angenehm vertreiben und drehten mit unserer Molly, die natürlich nicht den ganzen Tag lang allein daheim bleiben konnte, eine schöne Hunderunde. Einigermaßen entspannt warteten wir also der Dinge, die da kommen sollten...

... und waren mit einmal mittendrin in einem Tumult, den wir nicht erwartet hatten.

Ein vollkommen unscheinbares Auto hielt in einer Parkbucht, die Fahrertür flog auf und ohne dass wir die Person kannten, die die Hunde bringen sollte, wussten wir sofort: das muss sie sein. Und während wir uns noch zu organisieren versuchten, kamen plötzlich aus allen Windrichtungen Leute angelaufen und scharrten sich um das soeben angekommene Auto. Türen gingen auf, hundegefüllte Boxen wurden herausgehievt, ein unsagbarer Gestank kam aus dem Wageninneren und unsere Molly duckte sich verängstigt zur Seite weg, genauso überfordert von alledem, wie wir.

Um den Tieren einen unnötig langen Zwischenaufenthalt zu ersparen, beeilten sich alle, die Verladung für den Weitertransport so schnell wie möglich zu erledigen. Die Hunde, die mit uns weiterfahren sollten, mussten in die von uns mitgebrachten Boxen umgeladen werden. Alle Hunde waren sediert, einige inzwischen schon wieder ein bisschen munter, andere jedoch vollkommen platt und regungslos. Ebenfalls platt, aber keinesfalls regungslos war die Fahrerin des Wagens, der aus Kroatien gekommen war. Sie schien acht Hände und neun Paar Ohren zu haben, war überall zugleich und wo ich noch zögerte, zuzupacken, hatte sie den Hund bereits fest im Griff und trug ihn vor sich her.

Schließlich hatten wir drei Hunde im Auto, eine Stapel Papiere auf dem Armaturenbrett und Herzklopfen bis zum Hals. Und nun war auch endlich etwas Zeit, den Burschen anzusehen, der nirgendwo anders mehr aussteigen sollte, als direkt bei uns daheim. Groß war er, weiß, grau und schwarz. Noch sehr stark sediert, hob er immer mal wieder kurz den Kopf, ließ ihn aber gleich wieder müde fallen. Wie alle anderen Hunde auch, stank er bestialisch nach Hundezwinger. Er lag zwischen den Boxen, denn er war einfach zu groß um ihn irgendwo hineinzuzwängen, vor allem auch deshalb, weil er selbst nicht laufen und aktiv mithelfen konnte. Außer ihm waren noch zwei Hündinnen im hinteren Wagenraum. Beide hatten die Augen offen und schauten mich fragend und verwirrt, aber überaus freundlich an.

Es dunkelte draußen und je länger wir fuhren, umso ruhiger wurden alle Hunde. Auch unsere Molly hörte zu hecheln auf und lag ganz still da und döste. Für einen kurzen Moment hatten wir den Einfall, gar nicht mehr anzuhalten und alle Tiere mit nach Hause zu nehmen, aber erstens wurden die Hunde von anderen Menschen erwartet und zweitens kannten wir unsere Kapazitäten und Grenzen.

Eine halbe Stunde Fahrzeit vor unserem Wohnort hielten wir erneut an und die beiden Hündinnen wurden erneut umgeladen. Obwohl sie nun hätten selbst gehen können, mussten sie wiederum getragen werden, denn keine der beiden wollte die ruhige Dunkelheit unseres Wagens verlassen. Dann noch ein bisschen Papierkram und schon waren wir wieder unterwegs, mit einem sehr seltsamen, beinahe an Wehmut erinnerndes Gefühl in der Herzgegend.

Unser Bursche Awik/Maxe war schließlich auch daheim angekommen und noch immer sehr, sehr müde. Wir entschlossen uns, ihn mitsamt Box ins Haus zu tragen. Kaum drinnen angekommen, wollte er hinausgelassen werden. Unsere Molly riss entsetzt die Augen auf, als er schnurstracks auf sie zutaumelte. Um die Situation zu entschärfen und Awik Gelegenheit zu geben, sich zu erleichtern, leinten wir beide Hunde an und machten ein paar Schritte durch unsere Ortschaft. Molly wich dem Neuankömmling aus, so weit es nur ging, aber dieser hatte nichts anderes im Sinn, als ihr ständig und möglichst nah zu folgen.

Zurück im Haus ließen wir beide Hunde von der Leine und warteten handlungsbereit ab, was nun passieren würde. Doch Molly rannte sofort zu ihrem Lieblingsplatz unter dem Büroschreibtisch und Awik untersuchte in aller Seelenruhe und mit sehr, sehr klein-müden Augen die Umgebung. Dabei kam er immer wieder zu uns Menschen, leckte uns die Hände und wollte gestreichelt werden. Spät in der Nacht nahm er ein paar Brocken Futter zu sich, schlabberte ein wenig Wasser und setzte seine unruhige Runde durch das Haus fort. Um Molly ein wenig zu entspannen, durfte sie im oberen Stockwerk schlafen, während ich sowohl mir als auch Awik/Maxe ein Lager im Erdgeschoss einrichtete.



Geschlafen haben wir nicht viel, Awik, der nun Maxe heißen sollte, und ich. Immer wieder stupste er mich an, leckte meine Hände, mein Gesicht, knabberte sogar an meinen Haaren und schlich dann wieder unruhig von dannen. Erst nach vielen Stunden rastloser Wanderschaft legte er sich neben mein Bett und döste ein. Und dann war es auch schon wieder Tag und das neue Leben des Malamut Maxe konnte nun richtig beginnen.



Liebhund Maxe
8 Monate nach dem Dahinscheiden unseres einzigartigen und unvergesslichen Charmebolzen Spike trauerte unsere sensible Erbsenprinzessin Molly noch immer um ihren Gefährten. Was sie früher niemals getan hatte, tat sie nun mehrmals am Tag: sie stellte sich vor uns uns wimmerte ohne ersichtlichen oder nachvollziehbaren Grund. Und noch eines brach uns fast das Herz: einen Kauknochen, der einst Spike gehörte, den er aber niemals gefressen hatte, trug sie durch das Haus, legte ihn mal hier, mal dort ab, aber benagte ihn nicht. Das i-Tüpfelchen ihrer Trauer war jedoch, dass sie mich mit traurigen Augen anwinselte, als ich ein altes Ritual fortzusetzen wagte. Als Spike noch lebte, brachte ich vom Einkauf gefüllte Minikauknochen mit -die einzigen, die er noch mochte und in seinem Alter auch tatsächlich aufnagen wollte und konnte. Jedemals, wenn ich heimkam, stellte ich den Einkauf ab und kramte als allererstes für jeden Hund einen dieser Miniknochen aus dem Korb. Als ich dieses nun mit Molly so weiter fortsetzen wollte, nahm sie das Präsent nicht an, sondern schlich auf ihren Hundeplatz.

Wir waren uns schließlich einig: ein neuer Zweithund sollte einziehen. Und auch jetzt wieder wollten wir lieber einem Tierheimhund ein Zuhause geben, als einen der unzähligen auf den Markt geworfenen (im wahrsten Sinne des Wortes) Welpen zu kaufen. Aber wie das so ist, wenn man Abschied von einem geschätzten Tier genommen hat, taten wir uns schwer, uns für einen Hund zu entscheiden. Eher halbherzig schauten wir uns immer mal wieder auf den Webseiten der örtlichen Tierheime um, fanden auch immer mal wieder einen Kandidaten, der uns geeignet erschien, aber schritten dann doch niemals zur Tat. Und dann schlief der Gedanke an einen neuen Zweithund unabgesprochen wieder ein. Bis wir eines Tages auf der Webseite des Tierheim Göttingen den kroatischen Notfallhund "Awik" entdeckten. Ein Hund wie ein Eisbär. Ein Malamut-Mischling, knapp eineinhalb Jahre alt, gross, rund, knuffig und mit herzerweichend traurigen Augen und hängenden Ohren. Die Beschreibung erzählte von einem ruhigen, zurückhaltenden und verschreckten Tier, das sich im Tierasyl "Spas" in Kroatien sehr schwer tat und trotz seiner üblen Erfahrungen immer noch die Nähe zu Menschen sucht. Awik sollte in die Tötungsstation, weil er einem Huhn nachgelaufen war - ein Verhalten, dass für einen Hund vollkommen normal ist: etwas läuft davon, also läuft Hund hinterher. Zumal als Junghund, der vor Neugierde geradezu platzt. Zu seinem Glück mischten sich die Nachbarn ein und brachten den jungen Hund ins Tierasyl Spas, wo er bereits ein halbes Jahr war, als wir ihn schließlich entdeckten.

Wir sprachen recht kurz miteinander über diesen Hund als neues Familienmitglied und noch am gleichen Tag riefen wir die Telefonnummer unter Awiks Beschreibung an. Leider war nur ein Anrufbeantworter am anderen Ende der Leitung und so schickten wir noch rasch eine Mail hinterher. Mit der Frau, die sich dann bei uns meldete, kamen wir schnell überein: Awik ist der richtige Hund für uns und mit dem nächsten Transport von Kroatien nach Deutschland soll er unser neuer Zweithund werden.

In unserer Vorfreude erzählten wir natürlich Freunden und Bekannten von unserem baldigen Neuzuwachs und informierten uns auf allen möglichen Wegen über das Wesen des Malamut. Und was uns Freunde und Bekannte ans Herz legten, lasen wir auch überall, wo wir nach Informationen suchten: ein Malamut ist ein schwieriger, sturer Hund mit einem unbändigen Bewegungsdrang, dem nur sehr sportliche Menschen mit unendlichem Zeitvorrat gerecht werden können. Erste Zweifel waren gesät, ob wir die richtigen Menschen für diesen Hund sein können, ob wir überhaupt zu leisten vermögen, was dieser Hund uns abverlangen wird. Schließlich entschuldigte wir uns bei der freundlichen Dame und zogen unsere Übernahmeanfrage zurück.

Tage und Wochen vergingen und immer wieder sprachen wir über den Malamut-Mix in Kroatien. Was wird aus ihm, wenn er noch einmal sechs Monate im Tierasyl verbringen muss, oder gar niemals jemand bereit ist, ihm eine zweite Chance zu geben? Und ist es tatsächlich zu wenig, was wir ihm mit unserer jahrelangen Hundeerfahrung und den täglichen zweimal eine Stunde in freier Natur bieten können? Ist das nicht immer noch 100 % mehr als das, was er jetzt hat, wo doch auf ca. 400 Hunde in Tierasy Spas eine handvoll Menschen kommen, die aus massivem Zeitmangel nur füttern und pflegen, jedoch nicht spazieren gehen, spielen und kuscheln können?

Wir riefen erneut bei der freundlichen Frau an und teilten ihr unsere Gedanken und Überlegungen mit. Nach Rücksprache mit dem Tierasyl in Kroatien wollte sie mit uns gemeinsam überlegen, ob Awik bei uns richtig sein würde. Awik ist in Kroatien ein sehr ruhiger Hund, der weder wild herumrennt, noch nervös oder überdreht herumzappelt. Er ist relativ ausgeglichen, angesichts der vielen Hunde, die um ihn herumwuseln und recht zufrieden damit, bei den kleineren Hunden untergebracht worden zu sein, wo er besser zurechtkommt, als bei den großen, vor denen er Angst hat. Nach einigen weiteren Gesprächen, sowohl intern, als auch mit der lieben Frau der Tierhilfe Aktiv für Hunde in Not entschieden wir uns endgültig für Awik.

Bereits am 26. September sollte der nächste Tiertransport stattfinden und wenn alles klappt, würde Awik dabei sein.



Mittwoch, 10. November 2010
Erbsenprinzessin Molly
Die "Erbsenprinzessin" war ca. 11 Wochen alt, als wir sie aus dem örtlichen Tierheim abholten. Sie war die einzige Hündin des Wurfes, geboren im Tierheim, weil die Besitzer eine Hündin im trächtigen Zustand dort abgegeben hatten, ohne den Zustand des Tieres mit einem einzigen Wort anzudeuten. So wird man nicht nur einen Hund los, sondern gleich ein ganzes Rudel und niemand weiß davon. Zumindest eine Zeitlang nicht.

Das Fellbündel, eine Schäferhundmischung mit sehr hohem Schäferhundanteil, stank aus allen Poren und Haarbüscheln nach Hundezwinger und die Heimfahrt im Auto war alles andere als einfach, weil das Hundemädel jaulend im Wagen herumkroch. In den ersten Tagen daheim weinte sie sehr viel nach ihrer Mama und der gewohnten Umgebung und der Versuch, sich an den bereits vorhandenen Rüden Spike zu hängen, scheiterten daran, dass dieser den Welpen einfach nur doof fand. Schließlich folgte sie uns Menschen auf Schritt und Tritt und konnte es kaum ertragen, auch nur wenige Augenblicke ohne uns zu sein.

Da ohnehin gerade der niedersächsische Leinenzwang begann - dreieinhalb Monate Leinenpflicht - nutzte ich den natürlichen Folgetrieb des Hundes aus und ließ den Welpen überall frei laufen, während der Rüde an die Flexileine kam. Die bereits im Haushalt üblichen Regeln gingen dem Hundemädchen so ganz nebenbei in Fleisch und Blut über, ohne dass wir großartig korrigieren mussten, denn sie ging, stand, rannte und wartete mit und neben uns in aller Selbstverständlichkeit.

Im Alter von ca. 8 Monaten begann die Welt um die Hündin Molly herum unaussprechlich interessanter zu werden, als wir es bereits waren. Auf Spaziergängen ging sie gerne eigene Wege und der Folgetrieb war zu einem "ich-gehe-schon-mal-voraus-Trieb" geworden. Deshalb fand ein fliegender Leinenwechsel statt. Hündin an die Schleppleine und für den Rüden uneingeschränkter Freilauf.

Man sagt, dass eine Hündin leichter zu erziehen sei. Ich bin mir nicht sicher, ob das tatsächlich stimmt, aber wenn, dann war unsere "Erbsenprinzessin" Molly ein Musterbeispiel dafür. Nach zwei, drei Wiederholungen wusste sie, was man von ihr wollte und bemühte sich, das dann auch richtig auszuführen. Noch ein paar Wiederholungen später war es so, als hätte sie niemals etwas anderes getan, als eben dieses Kommando zu befolgen. Natürlich gab es auch Zeiten, in denen sie scharf die Grenzen austestete, aber diese Versuche waren im Vergleich zu denen von Spike amüsant und rasch aus der Welt geräumt.



Eine Sache jedoch bereitete mir schlimmes Kopfzerbrechen. Als Molly noch sehr klein war, wurde sie in meinem Beisein von einem dreisten Trio freilaufender Westies überfallen. Ich habe nicht richtig, bzw. zu spät reagiert und konnte nichts weiter mehr tun, als mit einem völlig verängstigten Hund nach Hause gehen. Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte Molly ein fürchterliches Verhalten, traf man auf fremde Hunde. Sie gebärdete sich wie tollwütig, kläffte, zerrte an der Leine und tat so, als wolle sie ihr Gegenüber zerfleischen. Und ich, als ihr Mensch, kam an dieser Stelle überhaupt nicht zu ihr durch. Zwar konnte ich durch Gehorsamsabfragen die Stärke ihres Ausflippens ein wenig senken, aber gänzlich ruhig blieb sie niemals. Auch ein weiter Bogen um den fremden Hund herum konnte ihre Angstaggression nicht in erträgliche Bahnen lenken. Sie regte sich immer und überall auf, erblickte sie einen fremden Hund - selbst dann, wenn sie diesen bereits hunderte Male getroffen hatte.

Erst als Spike von uns gegangen war und ich mit ihr allein unterwegs war, gelang es mir, Molly in diesem Verhalten zu stoppen. Dazu brachte ich sie stets ins "Sitz", nahm ihren Kopf in meine Hand und lenkte ihren Blick sanft weg vom fremden Hund. Es dauerte einige Zeit, bis sie aufhörte, wie wild mit den Augen zu rollen, um den anderen Hund zu fixieren, aber irgendwann suchte sie Blickkontakt zu mir. Nach und nach konnte ich auch darauf verzichten, ihren Kopf zu halten und inzwischen ist sie zwar nicht vollkommen relaxt, aber doch ruhig genug, um eine moderierte Hundebegegnung zu meistern. Lässt man sie jedoch einfach auf den fremden Hund zugehen und hilft ihr nicht mit ruhigen Worten dabei, einen behutsamen Erstkontakt herzustellen, rennt sie diesen nach wie vor um, als wäre sie eine Dampfwalze.

Molly ist ein kommunikativer Hund. Wo andere erst mit Leckerchen bestochen werden müssen, reichen bei ihr Lob und liebevolle Ansprache. Sie kennt viele Begriffe und Worte und weiß gesprochene Kommandos umzusetzen. Auf Spaziergängen dreht sie sich sehr oft nach mir um und sichtet sie irgendwo ein sich näherndes Gefährt, schaut sie mich an, als wolle sie mich fragen, ob ich das auch schon gesehen habe. Die Kehrseite dessen ist allerdings, dass sie sehr empfindlich auf Schelte reagiert. Harsche Worte oder gar ein Ausschimpfen lassen sie auf ein Drittel ihrer Größe schrumpfen. Und ist es einmal hektisch im Haus, sprechen wir lauter als gewohnt, ist Unruhe oder gar Streit im Gange, flüchtet sie sich in eine ruhige Ecke. Und wird sie doch einmal ausgeschimpft, verzieht sie sich mit geradezu tödlich beleidigtem Blick unter den Schreibtisch und kommt erst nach Stunden wieder hervor.

Sie hat ein grandioses Knochengerüst und einen kerngesunden Bewegungsapparat und ist selbst heute noch, mit inzwischen acht Jahren, beweglich, schnell und elastisch wie ein Jungspund. Sie springt, tobt und rennt wie eine Irre und selbst aus langem, tiefen Schlaf erwachend, läuft sie sofort los, als hätte sie sich gerade sportlich aufgewärmt. Jedoch neigt sie sehr zu Infekten der Ohren, Augen und des Verdauungstraktes. Deshalb achte ich bei ihr auch nicht auf Idealgewicht und -linie, denn es kommen immer wieder Tage und Wochen, in denen sie nicht fressen mag und rasch an Gewicht verliert.

Schmusen ist ihr zuwider. Es reicht ihr zu wissen, wo sich jeder aufhält und ab und zu mal einen Blick auf uns zu werfen. Ansprache freut sie, jedoch angefasst werden, das mag sie nicht gerne. Sie lässt es eigentlich nur über sich ergehen und es sind tatsächlich sehr seltene Momente, in denen sie von allein kommt und Streicheleinheiten einfordert.