Freitag, 3. Dezember 2010
Juckidu
Den Maxe juckt es. Von anfang an. Sehr und immer mehr. Wir dachten erst an eine Trockenfutter-Allergie, aber der Maxe kratzte sich auch ohne Trockenfutter weiter. Wir dachten an übergroße Nervosität. Aber der Maxe fuhr auch aus dem Schlafe hoch und kratzte sich fürchterlich. Wir dachten an Flöhe oder Milben, aber dem Maxe krabbelt nix durchs Fell und die Haut ist zwar etwas schuppig, aber unversehrt. Wir fuhren zum Tierarzt und ließen Blut abnehmen - man soll anhand des Blutes Allergien im groben Rahmen feststellen können. Maxe bekam eine Spritze und ein paar Tabletten für daheim. Wir kamen daheim an und der Maxe war sehr, sehr müde. Und kratzt sich nicht mehr. Jetzt kratzt sich Molly.



Donnerstag, 25. November 2010
Kleines Glück im ersten Schnee
Obwohl ich nach dem letzten Winter kein Freund von Schnee mehr bin und über Nacht die eine oder andere Flocke fiel - und liegenblieb - habe ich die Morgenrunde mit den Hunden sehr genossen, denn: Maxe konnte die ganze Strecke ohne Leine laufen! "Na und", mag so mancher jetzt sagen, der seinen Hund ständig ohne Leine laufen lassen kann, und so gar nicht versteht, warum mir deshalb schier die Sonne aus dem Allerwertesten scheint. Aber wer die Freude des Hundes gesehen hat, der da in Bocksprüngen durch die eingeschneiten Felder jagte, begreift meine Freude.

Dass der Maxe nur mit Vorsicht von der Leine gelassen werden kann, war anfangs noch nicht abzusehen. Da trottete er brav neben uns her und wenn er sich einmal etwas weiter entfernte, schaute er von selbst danach, uns bloß nicht zu verlieren. Nach fünf oder sechs Wochen jedoch, als er sowohl uns als auch die Umgebung einschätzen konnte, unternahm er die ersten Alleingänge. Er lief nicht wirklich fort, war aber auch nicht abrufbar und scherte sich einen feuchten Kehrricht darum, schrien wir nach ihm, egal in welchem Tonfall. Und da westlich die vielbefahrene Bundesstraße liegt und östlich der Wald mit seinen vielen Förstern, Jägern und Hochstühlen, machte uns die Unzuverlässigkeit des Hundes großes Kopfzerbrechen, dennn nicht einmal das Sichentfernen von unserer Hündin, welche zu 99,9 % zuverlässig abzurufen ist, störte den Malamuten auf Entdeckungsreise.

So kam es, dass der arme Kerl gerade zu der Zeit an die Leine musste, als er das Rennen und Toben für sich entdeckt hatte. Mehr als einmal ruckte es auf beiden Seiten der Leine sehr schmerzhaft, wenn der Maxe übermütig ins Rennen geriet. Und mehr als einmal blutete mir das Herz, wenn er mich fragend anschaute. Aber: so nicht, mein lieber Freund - zu deiner eigenen Sicherheit.

Wir übten also an der 8 Meter Flexi (bei dem Matsch ist eine Schleppleine wahrlich keine Freude!) den Radius um uns herum und das Achten auf den Hundeführer. Erreichte Maxe das Ende der Leine, blieb ich stehen, schaute mir die Landschaft an, machte keinen einzigen Schritt und wartete. Darauf, dass Maxe sich mir zuwandte, auf mich zukam, sein Interesse wieder alleine mir gewidmet war. Tat er das, bekam er ein Jubellob und ein abschließendes "Weiter". Natürlich klappte das nicht immer und überall. Und natürlich ist die Welt für einen jungen Hund, der bisher kaum etwas davon gesehen hat, viiiiiel spannender als ein doofes Frauchen, dass zu Stein erstarrt herumsteht. Und natürlich fluchte das Frauchen im strömenden Regen lautlos in unfeinen Tönen vor sich hin. Aber irgendwann begriff der Hund, worum es ging und wenn man schon einmal richtig nass ist, dann ist jeder weitere Regentropfen auch egal.

Kurioserweise blieb der Maxe zuverlässig in meiner Nähe, waren fremde Hunde anwesend. Sogar dann, wenn die fremden Hunde sich als rechte Flegel mit tauben Ohren entpuppten. Ein leises Wort, eine knappe Geste und der Maxe war an meiner Seite. Zwischendrin rannte er ausgelassen mit Molly und dem fremden Hund über die Felder und zeigte unverhohlen Freude an der Gesellschaft. Nach einigem Überlegen kam ich dahinter, warum er genau dann so ein gut hörender Hund war: er war unsicher, was passieren würde, würde er sich zu weit entfernen und wäre allein mit dem fremden Hund. Sicher ist sicher, und noch sicherer ist es, in der Nähe von Frauchen zu bleiben. Das nutzte ich dann doch gleich aus um ihn oft zu rufen und jedesmal mit Lob und Leckerchen zu überschütten, aus der Hoffnung heraus, dass er meinen Ruf fest mit positivem Gefühl verknüpfen möge.

Die Wegstrecke, auf der wir oft auf fremde Hunde stießen, war dann auch jene, auf der ich den Maxe schließlich von der Leine ließ, ausgerüstet mit Käsehäppchen und einer Pfeife. Eine Pfeife deshalb, weil diese emotionslos immer dasselbe Geräusch macht und weder schrill vor Panik oder garstig vor Zorn wird. Meiner Erfahrung nach hören Hunde sehr gut heraus, auf welchem Level sich der Mensch gerade befindet und zögern das Herankommen aus genau diesem Grund oftmals absichtlich heraus - manchmal mit gutem Grund. Und auch beim Maxe hat sich die Pfeife schließlich bewährt, denn auf Pfiff kommt er schneller und direkter zu mir, als wenn ich ihn mit nervöser Stimmer rufe.

Wir übten nur das Herankommen. Mit Leckerchen und gänzlich ohne Anleinen, denn wird ein Hund nur gerufen, um ihn anzuleinen, bekommt das Rufen den schalen Beigeschmack des "Spaß vorbei". Und zu meiner riesigen Freude klappte das auch sehr gut. Bald traute ich mich, ihn auch auf weniger von fremden Hunden frequentierten Wegen von der Leine zu lassen. Hier klappte der Rückruf weniger gut, weshalb er an unübersichtlichen Stellen und in der Nähe von Straßenverkehr aus dem Freilauf genommen werden musste. Die Quote von 80 % jedoch reichte mir bereits aus, um weiterhin zu üben, üben, üben.

Und heute kam der Maxe endlich zuverlässig und ohne Umschweife auf jedes Signal zurück. Welche Freude auf beiden Seiten. Dass das natürlich morgen schon wieder ganz anders aussehen kann, weiß ich sehr wohl. Dennoch bestärkt es mich darin, ihm weiterhin viel zuzutrauen und ihn nicht aus Bequemlichkeit oder Angst am Freilauf zu hindern.



Dienstag, 23. November 2010
Liebhund Maxe
In den ersten drei, vier Tagen klebte Maxe mir quasi am Bein. Wo ich auch hin ging, er ging mit. Sogar die schmale, steile Kellertreppe folgte er mir hinab, obwohl er, wie sich später zeigte, Treppen überhaupt nicht mag und sie nicht einmal geht, um sich seinen Ball abzuholen. Die Nächte waren weiterhin anstrengend, denn er fand keine Ruhe, wanderte zwischen allen Räumen hin und her und weckte mich immer wieder durch Anstupsen und Ablecken - eine Rückversicherung, dass alles gut ist und er nichts böses zu erwarten hat. Aus diesem Verhalten heraus hat sich hier bei uns der Satz "Alles ist gut" verfestigt, mit dem wir ihn auch heute noch beruhigen, wenn er verunsichert ist oder ängstlich reagiert.

Er war und ist wunderbar verfressen, doch noch viel lieber als Leckerchen mag er Hundespielzeuge, die quietschen. Mit diesem Wissen wagten wir es bereits nach wenigen Tagen, ihn auf Spaziergängen von der Leine zu lassen. Folgte er ausnahmsweise einmal nicht unserer Hündin, konnten wir ihn absolut sicher mit einem Quietschspielzeug zurückholen. Den sehr ergreifenden Moment, in dem er zum allerersten Mal voller Lebensfreude und Glück über einen Acker fegte, Bocksprünge machend und sich im Kreis drehend, werden wir wohl niemals vergessen.



Maxe ist ein wenig dicklich, was an dem Überangebot an "Restefutter" - aufgekochte Speisereste aus der Großgastronomie - im Tierasyl Spas liegt. Im Irrglauben, dass ein Tierheimhund aus dem Ausland stets mager und ungepflegt sein muss, bemängelten einige Bekannte und Verwandte das runde Äußere des Hundes. Wir haben jedesmal geduldig erklärt, dass es im Tierasyl an die 400 Hunde gibt und nur eine handvoll Menschen sich darum kümmern. Aus diesem Grund werden die Näpfe immer sehr gut gefüllt, denn niemand hat dort Zeit, zuzuschauen, ob jeder Hund etwas abbekommt oder gar dazwischen zu gehen, entwickelt sich eine blutige Beisserei aus Futterneid. Erst mit dieser Erklärung gaben sich die Kritiker zufrieden und fanden zurück in ihr mitleidiges Bedauern. An dieser Stelle haben wir sie machen lassen, denn nun noch zu erklären, dass die Hunde Riesenglück hatten, im Asyl gelandet zu sein, war uns dann doch zu umfangreich.

Die ersten Hundebegegnungen mit fremden Hunden waren ein wenig stressig für alle Beteiligten. Maxe hatte panische Angst vor fremden Hunden und genauso viel Angst vor deren menschlichen Begleitern. Wir haben ihn aus Sicherheitsgründen stets an die Leine genommen und aus der Ferne erst einmal zuschauen lassen, wie Molly den Erstkontakt aufnimmt. Erst sehr viel später haben wir ihn an den unbekannten Hund herangeführt und dann von der Leine gelassen, um ihm die Möglichkeit zu geben, ausweichen zu können. Nach und nach waren ihm zumindest die Hunde vertraut, die wir öfter einmal im Feld trafen und zu unserer großen Freude traute er sich sich schließlich, mit ihnen über die Felder zu rennen. Solange sie ihm nicht zu nahe kamen, hatte er Spaß an dem wilden Rennen. Näherte sich ein Hund dann doch einmal, blieb er ganz ruhig stehen, rührte sich nicht mehr und zog leicht und vollkommen lautlos die Lefzen hoch. Gottlob sind alle Hund hier im Umkreis so weit sozialisiert, dass sie diese Geste einzuorden wussten und ließen ihn dann auch wieder in Ruhe.



Nach einiger Zeit gewöhnte Maxe sich an, sich des nachts auf seine Decke im Wohnzimmer zu legen. Er kam nicht mehr um mich zu wecken und oftmals schlief er morgens sogar noch weiter, wenn um ihn herum schon das Tagewerk begann. Er kannte den Rhythmus im Haus, wusste, wann es rausgeht, wann es Futter gibt, wann es laut und unruhig sein kann und wann Ruhe herrscht. Fast unmerklich fügte er sich jeden Tag ein wenig mehr in diesen Rhythmus ein und bald war es so, als wäre er niemals irgendwo anders gewesen, sondern immer schon Teil des Menschen-Hunde-Rudels unter diesem Dach.

Mit seiner zurückhaltenden, vorsichtigen und überaus geduldigen Art gewann er Sympathie und Herzen aller, die ihn kennenlernten durften. Angst hatte niemand vor ihm, denn er strahlte von anfang an Gutmütigkeit und Freundlichkeit aus. Lediglich an der kurzen Leine wussten ihn fremde Hunde bald zu meiden, denn dort zog er eines Tages nicht nur leicht die Lefzen hoch, sondern drohte ganz unverhohlen. Ein Verhalten, das jedoch bei Hunden sehr normal und üblich ist, kann doch an der kurzen Leine weder Körpersprache gezeigt, noch ausgewichen werden. So mieden wir fremde Hunde mit dem angeleinten Maxe, konnten aber gleichzeitig sicher sein, dass nichts passiert, sobald er abgeleint ist, denn offenen Konflikten ging er gekonnt aus dem Wege.



Abends, wenn hier alle zur Ruhe kamen, genoss er ausdauernde Streichel- und Knuddeleinheiten von jedem, der bereit und willens dazu war. Stundenlang konnte er auf dem Rücken ausgestreckt liegen und sich den Bauch kraulen lassen. Und wehe, man deutete an, dass man nun nicht mehr wollte. Sofort umklammerte er mit den Vorderpfoten die streichelnde Hand und "bat" um mehr. Dazu konnte er so herzallerliebst aus dem Fell schauen, dass man einfach dahinschmalz. Natürlich war uns allen bewusst, dass man für ihn nicht zum "Selbstbedienungsautomaten" verkommen und ihm alle Wünsche auf Anfrage erfüllen durfte, aber froh darüber, dass er unsere Nähe suchte und uns gegenüber überhaupt keine Scheu zeigte, verschoben wir das regulierende Neinsagen auf später, denn was konnte gerade schöner sein, als zu sehen, wie aus diesem verschreckten, verängstigten und zurückzuckenden Hund ein solcher Schmusebär wurde?

Maxe war und ist ein großer, lieber, runder Kuschelbär. Ein Liebhund, wie man ihn sich nur vorstellen kann.